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Tourenbericht


Kanu-Expedition auf dem Yukon River

Teil I: Von Whitehorse nach Dawson City

Es ist bereits später Nachmittag, als wir in der kleinen Bucht bei Whitehorse einen riesigen Haufen Ausrüstung in unserem kleinen Kanu verstauen. Beeindruckend schnell strömt der Yukon an uns vorbei und Regentropfen werfen kleine Ringe auf der Wasseroberfläche. Wir hätten uns in Bezug auf das Wetter keinen schlechteren Tag für den Start unserer Tour aussuchen können. Für Anfang Juni ist es ganz schön kalt und nass in Kanadas Yukon Territorium. Als wir das Boot schließlich halbwegs ordentlich gepackt haben, liegt es bedrohlich tief im Wasser. Die ersten Paddelschläge sind ungewohnt: ein so schwer beladenes Kanu steuert sich schwerfällig. Wir haben uns gut 2 ½ Monate Zeit genommen, um unser Ziel an der Westküste Alaskas zu erreichen. Ob wir es wirklich bis zur Mündung des Yukon an der Beringsee schaffen? Nach nur wenigen hundert Metern rufen einige Indianer vom Ufer eine Warnung herüber: "Seid vorsichtig auf dem Lake Laberge! Haltet Euch immer am rechten Ufer…und bei Wellen sofort runter vom See!"

Schon nach kurzer Zeit schlagen wir auf einer Insel, Egg Island, unser erstes Nachtlager auf. Noch immer begleiten uns die Geräusche der Zivilisation. Der Klondike Highway verläuft wenige Kilometer entfernt parallel zum Fluss und vertreibt für heute das echte Wildnisgefühl. Den Biber, den wir auf der anderen Flussseite an seinem Bau beobachten, scheint das allerdings nicht weiter zu stören.

Einige Flusskilometer hinter Whitehorse fließt der Yukon in einen riesigen See, den Lake Laberge. Als zur Zeit des großen Goldrausches vor rund hundert Jahren die Raddampfer das Hauptverkehrsmittel für Fracht und Passagiere waren, hatten die Kapitäne in diesem Mündungsbereich mit Sandbänken und Untiefen zu kämpfen. Mit Holzpfählen, die tief in den Grund getrieben wurden, versuchte man dem Fluss Herr zu werden und die Strömung so zu leiten, dass sie aus eigener Kraft eine zuverlässige Fahrrinne erodieren würde. Der Erfolg für die Schifffahrt blieb aus. Aber noch heute kann man die Holzpfähle aus dem Wasser ragen sehen.

Unter Kanuten gilt der rund 50 km lange Lake Laberge als Herausforderung auf einer Yukon-Paddeltour. Bei starkem Wind schaukeln sich hier hohe Wellen auf, die für unser kleines Boot zu einer enormen Gefahr werden können. Und wer das Pech hat, gegen einen kräftigen Nordwind anzupaddeln, verliert mitunter schon gleich zu Beginn seines Yukon-Abenteuers den Mut. Wir erleben den See bei spiegelglattem Wasser und leichtem Rückenwind. Jetzt zu Beginn des Sommers sind die höheren Berge um den See noch immer mit Schnee bedeckt und verleihen der Landschaft einen ganz besonders Reiz.

Im Upper Laberge Indian Village am östlichen Ufer des Sees machen wir eine Pause und erkunden die verfallenen Blockhütten der kleinen verlassenen Ortschaft. Heute werden die besser erhaltenen Bauwerke gelegentlich noch von Trappern im Winter genutzt.

"Komm, lass es uns mit einem Segel probieren", versuche ich Claudia zu begeistern, als wir wieder in See stechen. In wenigen Minuten haben wir uns aus Treibholz und einer Zeltplane ein kleines Segel gebastelt. Noch immer weht ein leichter Wind aus Süden über den See: Alternative Energie, die es zu nutzen gilt! Doch wir merken schon bald, dass sich unser kleines Segel nicht auszahlt. Wir paddeln deutlich schneller als der Wind uns vorwärts schieben kann. Wesentlich besser nutzen die vielen Möwen und Küstenseeschwalben, die an den Ufern des Lake Laberge brüten, den Wind. Mühelos gleiten sie durch die Luft, schießen im Aufwind empor und stürzen sich mit lautstarkem Gekreische auf uns herab, wenn wir uns ihren Nestern zu sehr nähern.

Am Nordufer des Sees verlässt der Yukon den Lake Laberge wieder. Der Ausfluss ist vom See aus kaum zu erkennen, aber unser GPS zeigt uns zuverlässig die richtige Richtung. Auch hier befinden sich im Lower Laberge Village einige verlassene Blockhütten aus der Zeit des Goldrausches. Allerdings hat man hier die Hütten zumindest teilweise wieder restauriert. Ein alter Lastwagen, der in den 50er Jahren hierher gebracht und für den Transport von Holz für die letzten Raddampfer genutzt wurde, steht noch immer zwischen den Holzhäusern. Am Ufer des Flusses liegen außerdem die Überreste eines alten Raddampfers. Die Casca #1 war im Jahr 1910 ein paar Meilen flussabwärts gesunken und nach ihrer Bergung an das Ufer des Lower Laberge Village gebracht worden. Dort diente sie dann als Landedock.

Der Abschnitt des Yukon zwischen dem Ende des Lake Laberge und der Mündung des Teslin River bei Hootalinqua hat als "Thirty Mile River" Einzug in die Geschichte Nordamerikas gehalten. Diese 30 Flussmeilen waren unter den Kapitänen der großen Raddampfer besonders gefürchtet. Zahlreiche Kurven, Sandbanken, Inseln und Felsen erforderten viel Erfahrung und großes Geschick am Steuerrad. Dank der wunderschönen Natur und der Bedeutung für das kulturelle Erbe Kanadas wurde dieser Teil des Yukon in die Liste der "Canadian Heritage River" aufgenommen. Unter den zahlreichen Kanuten, die jährlich auf der Strecke zwischen Whitehorse und Dawson unterwegs sind, gilt der Thirty Mile River als der schönste Teil der Reise. Auch wir genießen das klare Wasser und ich nutze die guten Angelmöglichkeiten, um den Speiseplan mit ein paar frischen Äschen aufzuwerten.

Mit dem Zufluss des Teslin River vor Hootalinqua ändert sich der Yukon schlagartig. Der Fluss wird doppelt so breit und das klare Wasser verwandelt sich dank der im Teslin mitgeführten Flussfracht in eine braune Brühe. Auch akustisch lässt sich das Phänomen wahrnehmen: von nun an begleitet uns für die nächsten Wochen ein knirschend-schabendes Geräusch, das die feinen Partikel im Wasser an unserem Boot verursachen.

In den 1890er Jahren war Hootalinqua ein wichtiger Versorgungsstützpunkt für die Goldminen der Umgebung. Hier waren Beamte der berittenen kanadischen Polizei stationiert und ein Telegraphen-Büro ermöglichte die schnelle Kommunikation mit dem Rest der Welt. Heute ist die Siedlung verlassen, aber einige der alten Hütten und ein Friedhof können besichtigt werden. Ein kurzer Aufstieg bietet einen großartigen Ausblick auf die Mündung des Teslin Rivers. Nicht weit von Hootalinqua liegt auf Shipyard Island die "Evelyn". Der alte Dampfer wurde in den 1930er Jahren aufs Trockene gelegt und war seitdem nicht mehr im Einsatz. Nun verströmt das alte Schiff Goldrausch-Flair für passierende Kanuten.

Vor Davis Point fahren wir auf der Suche nach Elchen in einen stillen Seitenarm des Yukon. Je weiter wir uns vom Hauptstrom entfernen, desto klarer wird das Wasser. Plötzlich platscht ein großer Fisch direkt neben Claudias Paddel und nimmt vor uns Reißaus. So lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf die Unterwasserwelt und entdecken dicke Hechte, die hier gut getarnt zwischen den Wasserpflanzen auf ihre Beute warten.

Einige Flusskilometer weiter fließt der klare Big Salmon River in den Yukon. Hier treffen wir zum ersten Mal seit unserem Start in Whitehorse ein paar Paddler. Die kleine Gruppe eines Reiseveranstalters kam mit ihren Booten den Big Salmon hinunter und zeltet nun zwischen den verlassenen Blockhütten des Big Salmon Village. Sie erzählen uns ein wenig von ihrem Flussabenteuer, bevor wir wieder ins Boot steigen.

Neben den vielen alten Hütten befinden sich entlang des Yukon unzählige "Woodyards". Für die alten Raddampfer waren das die "Tankstellen". Dort wurden die Holzvorräte für den Betrieb der Dampfmaschinen aufgefüllt. Noch immer kann man in einigen dieser Lager die Überreste von Unterkünften und Werkzeugen finden.

Wir fühlen bereits den Muskelschmalz von einer Woche Paddeln in unseren Armen, als wir Carmacks erreichen. Benannt wurde die Stadt nach George Carmack, der zu den Entdeckern der Goldvorkommen am Klondike River gehört. Wir zelten bei Peter und Anna Gerasch, die von hier aus Kanus vermieten und Wildnisreisen im Yukon Territorium anbieten. Umrundet von ihren zahlreichen Hunden, geben uns die beiden noch ein paar Tipps für die weitere Reise, markieren uns gute Zeltmöglichkeiten in der Karte und erklären uns, wie man am besten durch die Five Finger Rapids hinter Carmacks fährt. Die berühmtesten Stromschnellen des Yukon, wurden nach den fünf Kanälen benannt, die durch einige Basaltfelsen im Fluss gebildet werden. Einige Felsen, die hier in den befahrbaren Kanälen lagen und besonders bei niedrigem Wasserstand für die großen Dampfer eine erhebliche Gefahr darstellten, wurden durch Sprengungen beseitigt. Wir halten uns mittig im ganz rechten Kanal: Ein paar stehende Wellen und plötzlich starke Strömung von links, danach ein mächtiges Kehrwasser auf der rechten Seite…schon nach wenigen Sekunden und ein bisschen Schaukelei ist alles vorbei.

Nur ein paar Kilometer hinter den Stromschnellen wartet ein weiteres Hindernis im Fluss: die Rink Rapids. Dank einiger Steine unter der Wasseroberfläche stehen hier mächtige Wellen. Wir sind wenig risikofreudig und halten uns am rechten Ufer. So lassen sich die Rink Rapids ohne Schwierigkeiten umgehen.

In Yukon Crossing schlagen wir unter einem doppelten Regenbogen unser Lager auf. An dieser Stelle mussten Reisende, die auf der alten Straße von Whitehorse nach Dawson unterwegs waren, den Yukon überqueren. Im Sommer wurden Fähren eingesetzt und im Winter konnten Hundeschlitten und Pferdegespanne über das Eis laufen. Mit unserem Kanu erkunden wir den Unterlauf des Crossing Creek, eines Baches, der hier in den Yukon mündet. Ein dicker Biber gerät über unseren Besuch in Aufregung und platscht lautstark mit seinem breiten Schwanz auf die Wasseroberfläche, um seine Artgenossen zu warnen. Nach ein paar Minuten hat er aber verstanden, dass wir keine Gefahr für ihn darstellen. Nun überwiegt seine Neugierde und er kommt immer näher an das Boot geschwommen, um uns genauer unter die Lupe zu nehmen. Schließlich hat er genug von uns und widmet sich wieder seiner Nahrungsaufnahme. Am Ufer sucht er nach saftigen Weidenstämmen, von denen er lautstark die Rinde abschält. Als ein Stamm in seinem Weg liegt, stellt sich der Biber auf seine Hinterbeine und wuchtet wie ein Gewichtheber den kleinen Baum in die Höhe und schleudert ihn hinter sich. Trotz dieser komischen Darbietung sind wir von seinen enormen Armmuskeln schwer beeindruckt!

Der Yukon hat sich seit unserem Start in Whitehorse bereits stark verändert. Aus dem schmalen klaren Fluss ist ein breiter Strom geworden. Unzählige Sandinseln werden von dem braunen Wasser umspült. Viele dieser Inseln dienen Elchkühen im Frühsommer zum Kalben. Dort sind sie wenigstens halbwegs vor Raubtieren wie Bären, Wölfen und Vielfraßen sicher.

Kurz hinter der Mündung des Pelly Rivers erreichen wir Fort Selkirk. Robert Campbell, Händler der Hudson's Bay Company, errichtete hier im Jahr 1848 eine Station, um die Erkundung dieser wilden Landschaft und den Handel in dem Gebiet voranzutreiben. Während des Goldrausches war Fort Selkirk ein wichtiger Versorgungsstützpunkt, hatte mehrere Hotels, eine Kirche und ein Missionshaus. Außerdem waren hier rund 200 Soldaten stationiert, die als Gesetzeshüter ihren Dienst tun sollten. Mit dem Ende der Dampfschifffahrt auf dem Yukon in den 1950er Jahren verlor Fort Selkirk an Bedeutung und die meisten Bewohner packten ihr Hab und Gut und zogen in andere Siedlungen. Inzwischen hat die Tourismusbehörde des Yukon Territoriums in Zusammenarbeit mit den Indianern aus der Region damit begonnen, die Gebäude in Fort Selkirk wieder zu restaurieren und archäologische Artefakte der Ureinwohner aus dieser Gegend zu bergen.

Am Selwyn River versuchen wir wieder unser Glück als Angler. Während mein Köder vollständig ignoriert wird, zieht Nicht-Fisch-Esserin Claudia einen Hecht nach dem anderen ans Boot. Leider sind sie alle zu groß für mich allein und so setzen wir sie zurück.

Am White River machen wir unser Boot fest und wandern auf einen der gegenüberliegenden Berge. Von dort haben wir eine großartige Aussicht auf seine Mündung in den Yukon. Der White River entspringt in den vergletscherten Bergen der Wrangel Mountains. Seinen Namen hat er von den etlichen Tonnen Gletschermehl und vulkanischen Aschen, die sein Wasser trüb-weiß färben und deren Ablagerungen unzählige Inseln im Fluss bilden.

Zwei Tage später lassen wir uns während einer unsere Pausen bei strahlendem Sonnenschein im Boot treiben. Die Strömung dreht unser Kanu in dem schmalen Seitenarm und so driften wir rückwärts, als Claudia sich zu mir umdreht und ungläubig mitteilt: "Fabian, da steht ein Bär direkt hinter Dir." "Na, klar…ganz bestimmt", denke ich mir. Aber irgendetwas in ihrer Stimme lässt mich dann doch herumfahren. Nur ein paar Meter entfernt steht tatsächlich ein großer Schwarzbär und frisst friedlich Grass von der Uferböschung. Er scheint nicht genau zu wissen, was er von uns halten soll und bleibt einfach still stehen, bis wir an ihm vorbei getrieben sind.

Nach insgesamt 15 Tagen auf dem Yukon erreichen wir Dawson City. Die kleine Stadt, die als Goldgräberstadt an der Mündung des Klondike Rivers weltberühmt wurde, ist inzwischen ein wichtiges touristisches Zentrum im Norden Kanadas. Sommerlich bekleidete Rentnergruppen, Pferdewagen, Rucksack-Touristen, Kanufahrer und riesige Wohnmobile schieben sich durch die staubigen Straßen Dawsons an den historischen Gebäuden vorbei. Und eines scheint sich seit dem großen Goldrausch nicht geändert zu haben: Die großen Gewinner Dawsons scheinen nicht diejenigen zu sein, die auf der Suche nach Glück und Abenteuer hierher gekommen sind, sondern diejenigen, die wissen, wie man den anderen am Spieltisch, der Bar oder beim Lebensmittelhandel das Geld aus der Tasche zieht. fs

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Teil II: Von Dawson City zur Dalton-Highway Brücke

Unser Weg den Yukon hinunter ist von Leichen gepflastert. Hunderte kleine Mücken und Sandfliegen, die wir totgeschlagen haben, kleben inzwischen an den Wänden unseres Zeltes. Aber auch wir haben unseren Blutzoll zahlen müssen. Kaum legen wir mit unserem Boot am Ufer an, kommen die kleinen Blutsauger wie durstige Vampire angeflogen. Entgehen können wir den Plagegeistern nur, in dem wir uns mit Insektenschutzmittel einreiben oder uns ein Moskitonetz über den Kopf ziehen. Ob es wohl Untersuchungen dazu gibt, wie viele Liter Touristenblut entlang des Yukon pro Jahr getrunken werden?

Unterhalb von Dawson City wird der Yukon zunächst erstmal wieder etwas schmaler, die Berge wachsen etwas höher und wir genießen von unserem kleinen Kanu aus den Blick in eine großartige Landschaft. An der Mündung des Forty Mile Rivers schlagen wir unser Zelt zwischen den Hütten einer historischen Siedlung auf. Ein junges Paar aus Dawson, das für ein paar Tage mit dem Kanu unterwegs ist, rastet ebenfalls hier und wir treffen David Small, einen Rentner aus Eagle, Alaska. Eingekleidet in Tarnanzug und mit einem Gewehr bewaffnet, kommt er uns auf einem schmalen Pfad entgegen. Nein, er sei nicht auf der Jagd gewesen, antwortet er auf unsere Frage. Aber das sei Bärenland und da müsse man sich nun mal entsprechend schützen. Wir hatten uns vor unserer Reise gegen eine Waffe entschieden. Mit unserer mangelnden Erfahrung im Umgang mit einem großkalibrigen Gewehr wäre eine Waffe im Gepäck vermutlich gefährlicher als sämtliche Bären Nordamerikas. Stattdessen tragen wir jeder eine Dose Bärenspray, hochkonzentriertes Pfefferspray, am Gürtel, um uns eventuell angreifende Bären vom Leib zu halten. Noch wichtiger ist es aber sicherlich, entsprechende Vorsorgemaßnahmen zu treffen, damit Bären gar nicht erst ins Lager gelockt werden.

Als David von unserem Plan bis zur Bering See zu paddeln hört, wird er richtig gesprächig. Er hat diese Tour vor ein paar Jahren mit einem aufblasbaren Ruderboot gemacht und gibt uns nun ein paar Tipps für unseren weiteren Weg. Besonders jedoch warnt er uns vor den starken Winden am Unterlauf des Yukon, die für kleine Kanus zu einer ernsten Gefahr werden können: "Sobald es windig wird, müsst ihr runter vom Fluss und auf besseres Wetter warten!"

Einige Kilometer vor Eagle überqueren wir die Grenze zwischen Kanada und den USA. Kein schwer bewachter Stacheldrahtzaun und grimmige Grenzbeamte, sondern lediglich die beiden Nationalflaggen, die hier zwischen ein paar Bäumen aufgehängt wurden, markieren diese merkwürdige menschliche Erfindung der Staats-Grenze. Ganz ohne Formalitäten kommen wir dann aber doch nicht ins Land. Im nächsten Ort Eagle registrieren wir uns bei dem Grenzbeamten Teela. Seine saubere Uniform täuscht darüber hinweg, dass uns hier ein ausgesprochen entspannter Vertreter der US-amerikanischen Administration gegenüber sitzt. Die Sicherheit seines Landes scheint ihn im Augenblick deutlich weniger zu interessieren, als die Wolken über dem kleinen Dorf am Yukon, die den Empfang seines Fernsehers stören. Er hatte sich so sehr auf das Fußball-Europameisterschafts-Spiel zwischen Deutschland und Spanien gefreut und nun kommt ihm ausgerechnet das Wetter dazwischen. Dank seiner deutschen Vorfahren, die vor ihrer Auswanderung nach Amerika noch Thiele hießen, drückt er Deutschland beim Fußball beide Daumen.

In Eagle informieren wir uns außerdem bei der örtlichen Rangerstation über das Yukon Charley Rivers National Preserve, das wir in den nächsten Tagen passieren werden. Rund 185 km des Yukon Flusses wurden hier unter Schutz gestellt. Außerdem beinhaltet das Schutzgebiet auch den Charley River, der unter Wildwasserkanuten als besonders schöner Fluss in Alaska gilt. Für Touristen unterhält die Parkbehörde mehrere restaurierte Hütten, die kostenlos für Übernachtungen genutzt werden können. Die junge Rangerin am Schalter bittet uns außerdem um eine Registrierung für unseren Aufenthalt im Schutzgebiet. Falls wir es nicht in der vorgesehenen Zeit bis nach Circle schaffen, starten die Parkranger eine Suchaktion.

Rund 60 Kilometer weiter steuern Claudia und ich unser Kanu in die Mündung des Nation Rivers. Klares Wasser strömt hier in den Yukon und wir hoffen auf eine gute Angelstelle. Die vielen Wasserpflanzen sollten besonders Hechten einen guten Lebensraum bieten. Doch unsere Angelei bleibt erfolglos und so treiben wir am Ufer langsam wieder flussabwärts. "Ich glaube da vorne liegt jemand", höre ich Claudia sagen. Mein Blick war die ganze Zeit auf das Wasser gerichtet, aber als ich hoch schaue sehe auch ich den leblosen Körper. Und dieses Mal ist es keine Mückenleiche oder irgendein anderes Tier. Am Ufer liegt nur wenige Meter von uns entfernt ein toter Mensch. Auf einen solch schockierenden Fund sind wir nicht vorbereitet und entsprechend trifft uns dieses Ereignis. Kurz danach begegnen wir einem Motorboot auf dem Fluss und die beiden Insassen können mit ihrem Satelliten-Telefon die Parkbehörden alarmieren. Später erfahren wir, dass der junge Mann vor einigen Wochen bei Dawson mit seinem Kanu gekentert sei.

In Slaven's Roadhouse, einer Rangerstation im Reservat, tauschen wir unsere Isoliermatten für zwei Nächte gegen ein richtiges Bett. Und statt einem Lagerfeuer nutzen wir hier den Luxus eines richtigen Gasherdes, um unsere Mahlzeiten zu kochen. Nach dem schrecklichen Fund am Nation River ruhen wir uns hier nun erstmal aus. Auf einer Wanderung ins Hinterland erkunden wir die Coal Creek Dredge, eine alte Förderanlage, mit der hier in einem Seitental des Yukon Gold gewonnen wurde. Eine kleine Broschüre führt uns durch die imposante Maschine, in deren Leib das abgebaggerte Gestein aufbereitet und das kostbare Metall von dem wertlosen Geröll getrennt wurde. Werkzeuge und Ersatzteile liegen herum, als wären die Arbeiter nur kurz zur Mittagspause gegangen. Auf dem Heizofen im Führerhaus steht noch immer eine Kaffeekanne. Nur das Feuer, das die Minenarbeiter und ihr Getränk einst warm gehalten hat, ist schon lange erloschen. In den 1970er Jahren hatte man hier den Betrieb eingestellt.

Parkranger Carl und ein Biologe, der hier im Reservat ein Forschungsprojekt zu invasiven Pflanzenarten betreibt, erzählen uns mehr über dieses faszinierende Gebiet, seine Geschichte und über die heimischen und eingewanderten Tier- und Pflanzenarten. Berühmt ist der Park für seine Population an Wanderfalken, die erfolgreich in den vielen Felswänden entlang der Flüsse und Bäche brüten. Auch auf unserer Wanderung hatten wir mehrere dieser faszinierenden Vögel beobachtet. Ihre Nahrung besteht fast ausschließlich aus kleinen Vögeln, die sie im Flug jagen.

Einen Tag nach unserer Abreise von Slaven's Roadhouse beschließen wir, eine kleine Wanderung auf einen der vielen spektakulären Felsen entlang des Flusses zu unternehmen. Wir wollen auch einmal von oben auf "unseren" Yukon schauen. Doch als wir am Ufer landen, entdecke ich über uns am Berghang einen großen Schwarzbären, der zuerst auf einen Felsblock klettert und sich schließlich auch noch auf die Hinterbeine stellt, um einen besseren Blick auf zu haben. Wir sind uns schnell einig, dass wir das Risiko einer Begegnung mit einem möglicherweise gefährlichen Bären lieber nicht eingehen wollen, als plötzlich etwas Schwarzes den Berghang hinunter gestoben kommt. Ich bin mir sicher, es handelt sich um den Bären und zerre mein Pfefferspray aus dem Gürtelholster. Doch dann merke ich, dass dieses schwarze Fellbüschel viel kleiner ist, als der imposante Bär auf dem Felsen. Etwa fünfzig Meter entfernt sehen wir ein Bärenjunges aus dem Gebüsch und in das Wasser des Yukon springen. Der Kleine nimmt verspielt ein kühlendes Bad, bevor er sich am Ufer wieder trocken schüttelt und zurück zu seiner Mutter flitzt. Auch wir sehen zu, dass wir Land gewinnen.

In Circle erledigen wir einige Telefonate nach Hause und ergänzen unsere Vorräte, mit etwas Obst und Käse aus dem kleinen Lebensmittelladen. Außerdem treffen wir hier Lythia und Per aus Fairbanks wieder, die wir bei Slaven's Roadhouse kennengelernt hatten. Sie mussten ihren Bootsausflug wegen eines Motorschadens vorzeitig aufgeben und finden in uns dankbare Abnehmer für ihren übrig gebliebenen Broccoli, etwas Käse und eine Packung vorzüglicher Schokokekse.

Die kleine Ortschaft Circle markiert den Beginn eines weiteren Abschnitts auf unserer Fluss-Reise: die Yukon Flats. Über rund 450 km schlängelt sich hier der mächtige Yukon in etlichen Kanälen und Seitenarmen durch eine gewaltige Ebene. Tausende Sand- und Kiesinseln, die jedes Jahr durch die Ablagerungen und die Erosion des Flusses verändert werden, machen die Navigation durch dieses Gebiet zu einer besonderen Herausforderung. Immer wieder prüfen wir mit unseren topographischen Karten und dem GPS-Gerät unsere Position, um sicher zu gehen, dass wir die richtigen Abzweige nehmen. Für mehrere Tage sind keine Berge am Horizont zu sehen und so ist der Blick frei auf einen Himmel, der uns mit seinem ewigen Blau und den weißen Schäfchenwolken noch nie so groß und faszinierend erschien.

Die Yukon Flats sind ein wichtiges Brutgebiet für eine Vielzahl von Wasservögeln. Wir beobachten Kanadagänse, Harlekin-Enten, Gänsesäger, Möwen und Küstenseeschwalben die ihre Jungen großziehen. Aber auch für Elche und Schwarzbären bieten die Yukon Flats einen hervorragenden Lebensraum. Die Artenvielfalt und die Einzigartigkeit dieser Landschaft hat dazu geführt, dass die USA dieses Gebiet als National Wildlife Preserve unter Schutz gestellt hat.

In den Yukon Flats treffen wir Horst, Gertrud, Heini und Marlies aus Deutschland, die ebenfalls bis zum Yukon Delta paddeln wollen. Wir verbringen die Nacht gemeinsam auf einer Insel und tauschen unsere Erlebnisse und Erfahrungen aus. Während wir unser Boot mit Unmengen an Lebensmitteln voll gepackt haben, versorgen sich die vier vornehmlich über die kleinen Lebensmittelgeschäfte in den Ortschaften entlang des Flusses. Dafür versetzen sie uns mit allerlei Campingmobiliar in Erstaunen. In ihren Booten finden Kochzelt, Klappstühle und Campingtisch Platz. Genau wie wir sind die Vier begeisterte Brotbäcker und so fachsimpeln wir über verschiedene Techniken, die begehrte Teigware über dem Lagerfeuer zu backen.

Nach drei Tagen Sonnenschein und leichtem Rückenwind dreht der Wind schließlich und erreicht beachtliche Geschwindigkeiten. Wir müssen uns deutlich kräftiger ins Zeug legen, um noch immer unsere geplanten Tagesetappen zu schaffen. Mit dem auffrischenden Gegenwind steigen auch die Wellenhöhen auf dem Fluss. Hin und wieder schwappen einige Wellen über den Bordrand und bescheren uns nasse Füße. Als dann das Frachtschiff, das einige der Ortschaften am Yukon mit Gütern versorgt, stromaufwärts an uns vorbeifährt, bauen sich die Wellen noch weiter auf. Innerhalb von Sekunden laden wir eine gefährliche Menge Wasser ins Boot. Und mit jeder eingestiegenen Welle liegt unser Kanu tiefer und erhöht nur die Gefahr weiterer Wassereinbrüche. Schöpfen bringt nicht schnell genug den gewünschten Erfolg und so konzentrieren wir uns darauf, das beinahe halb voll gelaufene Boot ans nahe Ufer zu manövrieren. Erleichterung macht sich breit, als wir schließlich unsere nassen Klamotten zum Trocknen in den Wind hängen können. Hier haben wir die Grenzen unseres Bootes in den Wellen des Yukon kennen gelernt.

Nur wenige Flusskilometer hinter dem Schutzgebiet der Yukon Flats wird man daran erinnert, dass auch in Alaska, für viele gleichbedeutend mit unberührter Wildnis, die Natur ein gefährdetes Gut ist. Dort quert die Trans Alaska Pipeline den Yukon. Im Jahr 1977 wurde dieses Bauwerk fertig gestellt, um das im hohen Norden bei Prudhoe Bay gewonnene Erdöl quer durch Alaska nach Valdez zu transportieren. In den Augen vieler Umweltschützer und besorgter Einwohner ist die Pipeline ein besonderes Risiko für die sensible arktische und subarktische Natur. Und das die Anlage nicht ganz so sicher ist, wie die Betreiber glauben machen wollen, zeigt zum Beispiel ein Unfall im Jahr 2006, wo durch ein Leck mindestens 267.000 Gallonen Öl austraten und die Umgebung verseuchten.

Um die Erdölfelder an der Küste versorgen zu können, wurde auch der Dalton Highway von Fairbanks nach Prudhoe Bay gebaut, der sich mit der Pipeline eine Brücke über den Yukon teilt. Für uns bedeutet die Dalton Highway Brücke Halbzeit. Wir haben nun die Hälfte unserer Tour zur Bering See geschafft. Zum Bergfest gönnen wir uns Hamburger mit Pommes Frites aus der Raststätte. Hier treffen wir auch unseren Freund Ralf aus Fairbanks, der auf dem Dalton Highway Touren für Touristen anbietet, die sich die Pipeline und die arktische Tundra Alaskas aus nächster Nähe anschauen wollen. Eine Attraktion in Ralfs Programm ist der Besuch von Dorothys und Johns Verkaufsstand. Die beiden leben mit ihrer Familie in der Nähe der Brücke in ihrer Blockhütte und verdienen im Winter ihren Lebensunterhalt als Trapper. Dabei verzichten sie auf Motorschlitten und arbeiten nur mit Schneeschuhen und Hundeschlitten um ihre Fallen zu kontrollieren. Im Sommer verkaufen sie an der Brücke echtes Wildnis-Kunsthandwerk, das an langen Winterabenden in der warmen Hütte gebastelt wird: Mini-Birkenrinden-Kanus, Bilderrahmen, Schachteln aus Baumrinde, Halsketten, Armreifen und Ohrringe. Dazu erzählen Dorothy und John wilde Geschichten von Waldbränden, Bären und riesigen Wellen und mächtigen Eisschollen auf dem Yukon. fs

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Teil III: Von der Dalton-Highway Brücke bis zur Beringsee

An der Brücke treffen wir auch June aus Fairbanks, die mit ihrem Kajak einige Kilometer den Fluss hinunter paddeln will, um dort Freunde zu besuchen. Chuck und Carrie betreiben in den Sommermonaten zwischen Rampart und den Rampart-Rapids ein Fischcamp. Wir helfen mit unserem Kanu als Transportschiff aus und liefern zwei Tage später einen Sack Mehl und etwas Gemüse an die beiden aus. Chuck und Carrie laden uns ein, ein paar Tage bei Ihnen im Fischcamp zu verbringen und ihnen bei der Lachsfischerei über die Schulter zu schauen.

„Lachse sind wirklich faszinierende Lebewesen“, erzählt uns Chuck begeistert. Sie schlüpfen in den klaren Zuflüssen des Yukons und verbringen die erste Phase ihres Lebens im Süßwasser. Dann machen sie sich auf die Reise in den Pazifischen Ozean, wo sie für einige Jahre als Raubfische leben. Als geschlechtsreife Tiere sammeln sie sich im Frühsommer an den Flussmündungen und fressen sich noch einmal satt. Wenn dann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, wandern die Lachse wieder flussaufwärts in Richtung Laichgebiete. Auf dieser anstrengenden Reise legen sie mitunter mehrere tausend Kilometer zurück, ohne einen einzigen Bissen zu fressen. Im Laichgebiet angekommen, sind ihre Reserven fast vollkommen erschöpft. Dort legen die Weibchen dann ihre Eier ab, um sie von den Männchen, den Milchnern, befruchten zu lassen. Danach sterben die Lachse und erfüllen als Futter für Bären, Füchse und Vögel an den Flussufern ihre letzte Aufgabe im Ökosystem.

Im Yukon kommen drei Lachsarten vor: der Königslachs, der Keta- oder Hundslachs und der Coholachs. Für die Fischer ist der Königslachs der begehrteste Lachs im Fluss, da er die beste Qualität als Speisefisch hat. Der Ketalachs wird traditionellerweise als Hundefutter verwendet. Der Coholachs wandert nicht so weit flussaufwärts und hat sich Laichgründe im Unterlauf des Yukons erschlossen. Die drei Lachsarten beginnen zu unterschiedlichen Zeiten mit ihren Wanderungen und halten so die Fischer am Fluss für beinahe den ganzen Sommer beschäftigt. Mit Netzen und Fischräder, den Fishwheels, stellen sie den Lachsen nach. Die Fischwheels sind mehrere Meter große Schaufelräder, die von der Strömung angetrieben werden und das Wasser nach den begehrten Fischen durchpflügen.

Chuck und Carrie fischen ausschließlich mit Netzen im Yukon. Direkt vor ihrem Camp hat ein großer Felsen ein gewaltiges Kehrwasser gebildet. Ein idealer Ort für die Lachsfischerei. Mit Chuck fahren Claudia und ich im Motorboot auf den Fluss, um das Netz zu kontrollieren. Neun dicke Königs- und Ketalachse hängen in den Maschen.

Im Camp werden die Lachse filetiert und anschließend ins Räucherhaus gehängt. Dort werden sie im Rauch getrocknet und konserviert. Einen Teil ihres Fanges kochen Chuck und Carrie außerdem in Gläsern ein.

Die Ketalachse, die für die Hunde von Carrie als zusätzliches Winterfutter konserviert werden, müssen ebenfalls filetiert werden. Sie trocknen allerdings ohne Rauch an der frischen Luft. Dabei bekommen sie einen leicht sauren Geschmack, den die Hunde gegenüber frischem Fisch bevorzugen. Mit ihren Alaskan Huskies bietet Carrie im Winter Schlittentouren für Touristen in der Umgebung von Fairbanks an. Vor einigen Jahren hat sie außerdem mehrfach erfolgreich am Yukon Quest Rennen zwischen Fairbanks und Whitehorse teilgenommen. Tausend Meilen legen die Musher dabei durch schweres Terrain mit ihren Hundeteams zurück.

An unserem zweiten Tag im Fischcamp nehmen Chuck und Carrie uns auf eine Wanderung zu einem alten Bergwerk mit. Mit dem Motorboot fahren wir einige Kilometer flussabwärts zu einem verlassenen Fischcamp, an dem der Pfad in die Berge beginnt. Eingehüllt in unsere Regenjacken marschieren wir bei nasskaltem Schmuddelwetter durch den Wald, bis wir schließlich ein Blockfeld erreichen, an dem Chuck mit seinem Geologenhammer nach Gesteinsproben sucht. Wenn er nicht gerade im Sommer nach Lachsen fischt, unterrichtet er als Lehrer an einer Schule in Nenana. Nun will er für das nächste Schuljahr ein paar Anschauungsobjekte für den Erdkundeunterricht besorgen. Begeistert hält er uns einen Gesteinsklumpen entgegen: „Fühl mal wie schwer der ist. Dieses Gestein heißt Galenit. Das haben die Leute hier im Bergwerk abgebaut.“ Beim Galenit handelt es sich um Blei-II-sulfid, das in geringen Mengen auch Silber enthält und deswegen so begehrt war. Während Chuck noch ein paar schönere Galenabrocken für seine Schüler sucht, wandern wir weiter bergauf, um die Aussicht auf die Berge und in das Tal des Yukonstromes zu genießen. Leider vernebeln die Schwaden der regenschwangeren Wolken die Berge und geben immer nur Ausschnittsweise den Blick auf die traumhafte Landschaft frei.

Auf dem Rückweg zum Fischcamp halten wir noch bei einer Freundin von Chuck und Carrie an. Linda unterhält ebenfalls ein Fischcamp am Yukon. Da die ganze Arbeit für sie alleine zuviel wäre, hat sie im Sommer eine ganze Reihe Freunde eingeladen, die ihr beim Fischen, Räuchern und Einmachen helfen. Mit dabei sind auch Antje und Heiko aus Deutschland. Sie haben sich als Rentner dazu entschieden ihre freie Zeit zumindest teilweise in Alaska zu verbringen. Seit ein paar Jahren wohnen sie für rund sechs Monate in Fairbanks und das restliche halbe Jahr in Deutschland.

Am nächsten Morgen packen wir wieder unsere Habseligkeiten in das Kanu und setzen unseren Weg in Richtung Beringsee fort. Einige Kilometer weiter warten bereits die Stromschnellen auf uns. Aber dank der Hinweise von Chuck und Carrie haben wir auch dieses Mal keine Probleme. Wir halten uns ganz weit am linken Ufer, wo das Wasser zwar schnell, aber ohne Turbulenzen fließt.

In Tanana, einer 275 Seelen-Gemeinde am Zusammenfluss von Yukon und Tanana-River, nutzen wir die Einkaufsmöglichkeiten und stocken unsere Vorräte mit etwas Obst, Gemüse und Käse auf. Außerdem finden wir in dem kleinen Supermarkt ein paar Postkarten, die wir mit unseren Grüßen nach Hause schicken. Die freundliche Kassiererin erlaubt uns außerdem ihren Computer zu benutzen, so dass wir über Satelliten-Internet unsere Emails lesen können.

Als wir an die Mündung des Totzitna Rivers kommen, beschließen wir noch einmal vom Yukon abzuzweigen und den kleinen Zufluss zu erkunden. Leider beginnt es schon bald zu regnen und so brechen wir diese Unternehmung ab, schlagen unser Lager auf und bessern unsere Schlechtwetter-Stimmung mit Bratkartoffeln, frischem Fisch und ein paar Eiern auf. Zum Nachtisch macht Claudia noch eine Portion Popcorn über dem Feuer.

Das schlechte Wetter scheint uns ein wenig begleiten zu wollen. Die Säule in unserem Thermometer sinkt beständig, dicke Wolken ziehen am Himmel und der starke Wind lässt beängstigende Wellen auf dem Fluss entstehen. Unser Boot tanzt auf den Wasser hin und her und mehrmals legen wir am Ufer an, weil uns die Weiterfahrt zu riskant erscheint. Mit etwas Suppe aus der Thermoskanne versuchen wir uns aufzuwärmen. Wir kommen kaum vorwärts und schaffen nur wenige Kilometer am Tag. Wenn wir aufhören zu paddeln drückt uns der Gegenwind sogar gegen die Strömung flussaufwärts.

Der Frust in unserem kleinen Boot wächst stündlich und nach ein paar Tagen spricht jemand von uns das Nahe liegende aus: „Lass uns aufgeben!“ Wir diskutieren die Alternativen und sind uns sicher, dass wir unsere Zeit interessanter verbringen können, als uns von Wind und Regen auf dem inzwischen ganz schön breiten Yukon ärgern zu lassen. Der Entschluss steht fest! In Ruby werden wir unser Boot verkaufen und uns ausfliegen lassen. Froh, diese Entscheidung gefällt zu haben, gehen wir an diesem Abend schlafen.

Als wir am nächsten Morgen die Türe unseres kleinen Zeltes öffnen, erwartet uns strahlender Sonnenschein. Zum ersten Mal seit Tagen sehen wir wieder Berge. Die Kokrines Hills, eine kleine Bergkette, gestalten eine traumhafte Bilderbuch-Landschaft und von dem Plan, die Tour abzubrechen, wollen wir beiden nichts mehr hören. Und so nutzen wir unseren kurzen Aufenthalt in Ruby, um Wolf zu besuchen. Er ist in den siebziger Jahren von Deutschland nach Alaska ausgewandert und lebt seitdem in der kleinen Gemeinde am Ufer des Yukon. Als ich in seine Werkstatt trete, erwartet mich eine seltsame Dekoration aus alten europäischen Wappen, Schwertern und Säbeln, bemalten Elchgeweihen und Holzschnitzereien. Dazwischen springt sein riesiger energiegeladener Schäferhund-Wolf-Mischling herum und freut sich über den Besuch. Gemeinsam wandern wir zur Anlegestelle von Ruby, wo Claudia mit unserem Boot wartet. Wolf erzählt uns ein paar Geschichten aus seinem Leben in der Wildnis und wie sich das Leben in Ruby im Laufe der Zeit verändert hat. „Früher hatten wir noch Petroleum-Lampen als einzige Lichtquelle in der Hütte.“ Heute haben auch die abgelegensten Gemeinden ein Generatorhäuschen für die Stromerzeugung und Wolfs Laptop ermöglicht ihm via Satelliten-Internet die Kommunikation mit dem Rest der Welt. Als wir schon kurze Zeit später wieder „in See stechen“ scheint Wolf etwas enttäuscht und auch wir würden gerne mehr Zeit mit ihm verbringen. Aber nach all dem schlechten Wetter haben wir das Gefühl, wir sollten den Sonnenschein und die Windstille nun so gut es geht paddelnd nutzen.

Wir kommen endlich wieder gut voran und zwei Tage später erreichen wir Galena. Früher betrieb die US-Armee hier einen Luftwaffen-Stützpunkt, dessen Infrastruktur heute nur noch gelegentlich vom Militär genutzt wird. Die Gebäude am Ufer zeugen von etwas mehr Wohlstand als die meisten anderen Gemeinden am Fluss. Da wir keine weiteren Vorräte benötigen, sparen wir uns den Stopp und paddeln vorbei, als plötzlich Sirenen in dem kleinen Ort losheulen. Wir wundern uns, ob da nur jemand grüßen will oder ob man uns als Terroristen verdächtigt und uns gleich zwei Abfangjäger zum (An-)Landen zwingen werden. Es passiert nichts und wir driften unbehelligt weiter in Richtung Ozean.

Die Schönwetter-Tage halten nicht lange an und wieder zieht eine dunkle Wolkenfront auf und starker Wind vertreibt die gute Laune in unserem Boot. Als wir in Nulato unser Trinkwasser auffüllen, kommt eine Frau zu uns und erzählt uns, unser Paket sei schon angekommen und der Dorflehrer habe es für uns entgegen genommen. Verdutzt schauen wir uns an. Von einem Paket wissen wir überhaupt nichts und schließlich stellt sich die ganze Sache als Missverständnis heraus. Auf diese Weise erfahren wir aber von einem Kajakfahrer, der einige Tage hinter uns auf dem Yukon in Richtung Beringsee paddelt. Ob er uns noch einholen wird, bevor wir unser Ziel erreichen? In den nächsten Tagen werden wir nach ihm Ausschau halten!

„Wow, schau Dir mal diese Spuren an“, ruft mich Claudia herüber. Als wir am Abend unser Lager aufschlagen wollen, entdecken wir am Ufer riesige Grizzlyspuren. Es sind die größten Abdrücke, die wir bisher gesehen haben. Die beeindruckenden Spuren zeigen deutlich die gewaltigen Klauen, die sich tief in den Flusslehm gepresst haben. Bei dem Gedanken an eine Begegnung mit diesem riesigen Tier läuft mir ein gehöriger Schauer über den Rücken. Ein geübter Spurenleser hätte wahrscheinlich erkennen können, was Meister Petz zum Frühstück verputzt hat und dass der Karies im linken Backenzahn ihm etwas Kopfschmerzen bereitet. Aber wir Laien sind uns noch nicht einmal sicher, wie alt diese Spur eigentlich ist. Um sicher zu gehen fahren wir zu einem anderen Lagerplatz einige Kilometer weiter flussabwärts und fallen beruhigt und völlig erschöpft in unsere Schlafsäcke.

Als wir in Kaltag anlegen, verraten uns die vielen Motorboote an der Anlegestelle bereits, dass hier irgendetwas Besonderes los ist. Auf dem Sportplatz der Gemeinde haben sich die Ballsport-Athleten der umliegenden Dörfer eingefunden, um sich im Softball zu messen. Ausgelassen flitzen die Kinder durch die staubigen Strassen Kaltags. Ein alter Mann auf einem kleinen Allradfahrzeug, den ich nach dem Weg zum Lebensmittelladen frage, meint, wir sollten uns doch lieber am Buffet des Sportfestes voll essen, als unser Geld für Lebensmittel auszugeben. Als ich die Auswahl in dem kleinen Laden sehe, erscheint mir sein Vorschlag gar nicht mehr so abwegig. Der Verkäufer hinter der kleinen Theke zuckt entschuldigend mit den Schultern: „Die haben mir alles Frischzeug für das Buffet weggekauft“. Mein Blick fällt auf eine Gefriertruhe und ich frage vorsichtig nach Eiscreme. Da fängt er an zu lachen und meint sein Eissortiment, das er wohlweislich im letzten Winter bestellt hatte, wurde leider erst in diesem Sommer ausgeliefert. Und als der Flieger hier landete, war bereits alles geschmolzen. So muss Kaltag wohl bis zum nächsten Winter auf den Eisgenuss warten. Ein kleiner Beutel mit Möhren ist für heute alles was er mir anbieten kann.

Der starke Nachmittagswind und die Aussicht auf einige interessante Begegnungen mit Wildtieren in den Dämmerungsstunden, lassen uns unseren Tagesrhythmus ein wenig umgestalten. Wir beschließen nun erst am späten Nachmittag zu starten und bis in die Nacht zu paddeln. Bereits an unserem ersten Abend können wir neben ein paar Bibern eine Schwarzbärin beobachten, die mit ihren beiden Jungen am Flussufer nach Futter sucht. Leider sinken die Temperaturen nachts auf wenige Grad über dem Gefrierpunkt und als wir schließlich gegen 2 Uhr morgens unser Zelt aufbauen, sind wir beide völlig durchgefroren. Erst mit einer improvisierten Wärmflasche wird es im Schlafsack endlich kuschelig warm. Nach zwei durchgefrorenen Nächten und einigen Schwarzbären, verlegen wir die Paddelei wieder auf die wärmeren Tageszeiten.

Am Blackburn Creek wollen wir unseren Wasserkanister auffüllen. Dabei entdeckt Claudia einige Lachse in dem klaren Bach. Als wir genauer hinschauen, sehen wir sie beinahe überall im Wasser. In dem trüben Yukon ist uns der Zug der Lachse bisher verborgen geblieben. Nur Fischernetze, Fischwheels und Gestelle mit trocknendem Fisch haben von dem reichen Leben unter Wasser gezeugt. Aber hier in dem klaren Gebirgsbach können wir dieses Wunder des Tierreichs mit eigenen Augen bestaunen. Noch halbwegs „frische“ Lachse, die noch nicht abgelaicht haben, steigen auf der Suche nach ihrem Laichgrund gegen den Strom auf. Die halb toten und völlig ausgezehrten Fische, die ihr Laichgeschäft bereits hinter sich gebracht haben, treiben den Bach wieder hinunter und bleiben am Ufer liegen, wo sie schließlich verenden. Als wir um eine Kurve des Baches paddeln, macht eine Kiesbank und einige größere Steine die Weiterfahrt mit dem Kanu unmöglich. Wir ziehen das Boot an Land und erkunden die kleine Insel zu Fuß. Nur wenige Meter weiter entdecken wir frische Grizzlyspuren und einige Lachsreste, die von einem prächtigen Bärenmahl zeugen. Aus einem der Fischkadaver tropft noch frisches Blut. Wir scheinen die Bären erst vor wenigen Minuten bei ihrem Mahl gestört zu haben. Angesichts der vielen Kadaver im Wasser, entscheiden wir uns, doch an einer anderen Stelle nach Trinkwasser zu suchen und kehren zum Yukon zurück.

Nicht nur wir kämpfen mit dem starken Wind. Die aufgeregten Rufe junger Wanderfalken erwecken unsere Aufmerksamkeit und wir steuern unser Boot näher ans Ufer. Die zwei Jungvögel können ihr Nest erst vor kurzem verlassen haben. Sie sitzen auf einem Stein und spielen mit ihren Flügeln im Wind. Die starken Böen erfassen ihre geöffneten Flügel und die beiden haben ernste Schwierigkeiten, auf ihrem Ausguck die Balance zu halten. Als ich ihnen schließlich mit der Kamera zu sehr auf die Pelle rücke, schwingen sie sich empor und fliegen unsicher davon.

Kurz vor Grayling zelten wir am Ufer und bereiten unser Abendessen am Feuer zu, als ein paar Männer in einem Motorboot anhalten. Die vier Indianer hatten gerade ihre Netze kontrolliert, als sie unser Lager entdeckten. Nun sind sie für einen kurzen Plausch vorbei gekommen und bieten uns einen fangfrischen Lachs an. Leider ist der Fisch viel zu groß, um von mir alleine gegessen zu werden und ich lehne dankend ab. Dafür schimpfen wir ein wenig gemeinsam über das Schmuddelwetter. So regnerisch, kalt und windig haben sie es hier zu dieser Jahreszeit noch nie erlebt, murren sie. Wir sind wohl ausgesprochene „Glückspilze“, dass wir uns ausgerechnet in diesem Jahr für diese lange Tour entschieden haben.

Immer öfter beobachten wir vom Boot aus Schwarzbären, die am Ufer nach reifen Beeren suchen. Solche Begegnungen mit wilden Tieren sind die Highlights an diesen Tagen, an denen wir wegen des starken Windes so schlecht vorwärts kommen. An einem Tag haben wir trotz der Strömung des Yukon nur 27 km nach acht Stunden paddeln geschafft: Claudias Kommentar in ihrem Tagebuch zu dieser unglaublichen Leistung: „Es ist eine echte Scheißidee, den Yukon runter zu paddeln!“ Unsere Stimmung schwankt mit dem Wetter. Als ein paar Tage später die Sonne scheint, ist die Welt wieder in Ordnung. Inzwischen ist der arktische Sommer schon beträchtlich vorangeschritten. Die Gänsefamilien sammeln sich bereits mit ihrem Nachwuchs in großen Schwärmen, um in ein paar Wochen den Zug in den warmen Süden anzutreten.

Bei einem Fischcamp am Tabernacle Mountain fragen wir die Bewohner um Erlaubnis, unseren Wasservorrat an ihrer Quelle aufzufüllen. Sie wollen wissen woher wir kommen und staunen nicht schlecht als wir von unserer Fahrt von Whitehorse bis hierher erzählen. Dem einen Indianer scheinen wir etwas Leid zu tun. „Das muss ja schrecklich sein, wenn man sich immer nur mit der gleichen Person unterhalten kann“, lacht er. Ob uns da nicht langweilig würde, will er wissen. Bisher eigentlich nicht, geben wir zurück, aber wir seien ja auch noch nicht am Ende unserer Reise.

In Russian Mission sucht Claudia nach einer Möglichkeit, via Email Geburtstagsgrüße an ihre Mutter zu verschicken. Sie fragt einige der vielen Kinder und Jugendlichen, die hier zwischen heruntergekommenen Holzhäusern und einer unglaublichen Menge Schrott spielen, nach einem Computer mit Internet-Anschluss. Aber leider scheinen alle Lehrer, die sonst über Internet verfügen, zurzeit nicht im Dorf zu sein. Im Gegenzug fragen die Halbstarken Claudia nach Alkohol. In den Gemeinden, in denen Alkohol nicht legal verkauft wird, ist jede Flasche ein kostbares Gut und die Schwarzmarktpreise sind gigantisch. Enttäuscht ziehen sie ab, als wir ihnen erklären, dass wir keinen Alkohol in unserem Kanu haben.

Als wir auf einer kleinen Sandinsel hinter der Siedlung Pilot Station in unserem Zelt liegen, hört Claudia plötzlich merkwürdige Geräusche. Wir sind uns sicher, da macht sich ein Bär über unsere Vorräte her, die wir in mehreren Plastikkisten in sicherer Entfernung vom Zelt deponiert haben. Deutlich hören wir, wie der Bär versucht an den schmackhaften Inhalt der Kisten zu kommen. Vorsichtig wirft Claudia einen Blick aus dem Zelt und ich greife schon mal zum Pfefferspray, damit wir uns vor dem angreifenden Bären verteidigen können. Aber unsere Kisten stehen unberührt an ihrem Platz. Wieder hören wir Geräusche, aber nun scheinen sie aus der anderen Richtung zu kommen. „Das ist kein Bär“, lacht Claudia, „das ist ein Kajakfahrer.“ Über dem Sandhügel hinter unserem Zelt hat sie ein Paddelblatt entdeckt. Es ist zwar schon mitten in der Nacht, aber ich beschließe trotzdem mal schnell rüber zu gehen und ihn auf der Insel zu begrüßen. Als ich plötzlich vor ihm auftauche, erschrickt sich der Ärmste fast zu Tode. Als er hier vor wenigen Minuten gelandet ist, hat er sicherlich nicht damit gerechnet, heute noch Besuch zu bekommen. Unser kleines Zelt konnte er von der anderen Seite der Insel nicht sehen. Michael aus Boston ist ebenso wie wir in Whitehorse gestartet und möchte auch noch bis zur Mündung des Yukons weiterfahren. Er ist der Kajakfahrer, von dem wir in Nulato wegen des Pakets bereits gehört hatten. Für den nächsten Morgen verabreden wir uns zu einem kräftigen Wildnis-Frühstück.

Der Tag, der mit Morgennebel über dem Fluss beginnt, verspricht ein ausgesprochen schöner zu werden. Claudia und ich machen uns Wasser über dem Feuer warm, um uns zu waschen. Als Michael etwas später aus seinem Zelt kriecht, brutzeln bereits ein paar Eierkuchen in unserer Pfanne. Beim Frühstück erzählen wir von unseren Erlebnissen auf dem Fluss und lauschen seinen Geschichten der letzten Wochen. Wir beschließen bis zum Ende unserer Reise gemeinsam zu paddeln.

So sehr wir alle diese Reise – trotz des zeitweise schwierigen Wetters - genossen haben, so sehr wünschen wir uns auch endlich am Meer anzukommen. Immer öfter schmerzt der Rücken und die Arme sind lahm vom ständigen Paddeln. Auch unsere Beine, die ja nun seit Wochen nicht mehr so richtig im Einsatz sind, schlafen aufgrund mangelnder Zirkulation immer öfter beim Sitzen und Knien im Boot ein.

Am Unterlauf des Yukon passieren wir relativ viele Ortschaften. Und die Inuit, die hier in Küstennähe leben, sind ein ausgesprochen neugieriges und aufgeschlossenes Völkchen. Einige Boote kommen für ein bisschen Smalltalk längsseits. Man will wissen wer wir sind, wo wir herkommen und vor allem, warum in aller Welt wir den gesamten Yukon herunterpaddeln. Wir genießen die kontaktfreudigen Menschen an diesem Teil des Flusses. Aber wenn die Frequenz der Stopps für Unterhaltungen anhält, werden wir es wohl kaum in diesem Sommer bis zum greifbaren Meer schaffen.

Mountain Village ist das letzte Dorf vor dem Yukon Delta. Echte Berge gibt es hier nicht. Aber da die Landschaft von hier ab flussabwärts völlig flach erscheint, kommen einem die Hügel hinter dem Dorf fast schon wie richtige Berge vor. Wir halten in Mountain Village an, um eine wichtige Mission zu erfüllen. Seit unserem Besuch im Fischcamp tragen wir einen Brief von Chuck mit uns herum. Er hatte keine Kontaktadresse von einem seiner frühren Schüler mehr. Aber er wusste, dass Jareth in dem Supermarkt in Mountain Village arbeitet und da boten wir uns als Briefträger gerade zu an. Als Michael und ich in den Laden treten und nach Jareth fragen, sieht man ihm seine Unsicherheit direkt an. Doch als wir ihm den Brief von seinem ehemaligen Lehrer übergeben, strahlt er über das ganze Gesicht. Wir verlassen den Laden nicht, ohne uns mit einer unglaublichen Auswahl an tropischen Früchten aus der Obstabteilung einzudecken. Heute Abend gibt es Fruchtsalat für die extra Portion Vitamine! Unterdessen hat Claudia bei unseren Booten gewartet und Freundschaft mit einigen Kindern aus Mountain Village geschlossen. Der zehnjährige Kevin und sein fünf Jahre alter Neffe Devon fragen ihr Löcher in den Bauch und befriedigen ebenso ausdauernd Claudias Neugierde.

Am nächsten Tag passieren uns wieder einige Motorboote. Ganze Familien haben sich von Mountain Village aufgemacht, um in den Tundra-Bereichen des Deltas nach der begehrten Salmon-Beere zu suchen. Auch wir pflücken einige Beeren während einer wellenbedingten Zwangspause. Wir kochen sie zum nächsten Frühstück mit etwas Zucker zu Kompott und genießen den Gaumenschmaus mit ein paar frischen Eierkuchen. Obwohl es zur Küste nicht mehr weit ist, müssen wir noch größere Reparaturen an unserer Ausrüstung vornehmen. Michaels Kajak hat auf der Reise einige Risse unter dem Sitz bekommen, die er nun mit Klebeband notdürftig abdichtet und an unserem Zelt müssen wir mal wieder einen Reißverschluss-Schieber austauschen. Der ständige Sand und Staub im Reißverschluss sorgt für massiven Verschleiß. So kommen wir erst spät los zu unserem vorletzten Paddeltag. Während die Sonne freundlich vom Himmel scheint, macht sich Unruhe in unseren zwei Booten breit. Seit gut zwei Monaten paddeln wir nun schon auf dem Yukon und nun ist das Ende unserer Tour in greifbare Nähe gerückt. Es ist bereits früher Abend, als wir in Emmonak festmachen. Es ist die letzte Siedlung am Fluss vor der Bering See. Hier müssen wir einen Rücktransport vom Meer und unseren Rückflug nach Anchorage organisieren. Da der Flughafen für heute geschlossen hat, zelten wir auf einer kleinen Insel vor der Siedlung und versuchen unser Glück am nächsten Morgen. Die Tickets sind schnell gebucht und auch die Rückfahrt von der Küste scheint kein Problem. John, der in der kleinen Fischfabrik in Emmonak arbeitet, bietet uns seine Dienste als Motorboot-Chauffeur an. Im Gegenzug bieten wir ihm unser altes Kanu, das er für die Elchjagd in den kleinen Kanälen im Yukon-Delta nutzen möchte. Den Abend sitzen wir im einzigen Restaurant von Emmonak, einer witzigen Mischung aus völlig heruntergekommen und total gemütlich, genießen ein paar Hamburger mit Pommes frites und lauschen den Rolling Stones und furchtbarer 80er Jahre-Musik aus der antiken Musik-Box.

Unser Gepäck haben wir auf der kleinen Insel deponiert, als wir zum letzten Mal auf dieser Tour mit ungewohnt leichten Booten ablegen. Von Emmonak sind es nur etwa 20 km bis zur Mündung des Yukon. Wir passieren einige Inseln und vom Ufer fliegen einige Kraniche auf, als wir vorbei fahren. Und dann taucht vor uns die letzte Insel im Yukon auf. Mit gemischten Gefühlen machen wir die Boote am Ufer fest und spazieren über die Insel. Eine spannende Reise durch eine beeindruckende Wildnis und auf einem geschichtsträchtigen Fluss liegt hinter uns. Vor uns liegt die Bering See. Da könnte man eigentlich auch mal paddeln gehen… fs

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