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Tourenbericht


Yukon Quest 300 Sled Dog Race

"So etwas mache ich nie wieder!", hatte ich mir vor etwas über einem halben Jahr geschworen, als ich vollkommen übermüdet auf meinem Schlitten mit neun Huskies über die Ziellinie des Percy de Wolfe Memorial Mail Race in Dawson City lief. Bereits zwei erholsame Nächte später machte ich mir - zuerst zwar noch zögerlich - einige Gedanken über neue Herausforderungen für den folgenden Winter. Und nun sitze ich im Büro des Yukon Quest in Whitehorse und unterschreibe das Anmeldeformular für das “kleine” Yukon Quest – das Yukon Quest 300. Grinsend zieht Georgina meine Kreditkarte durch ihren kleinen Bankcomputer und überreicht mir einen Stapel Papier mit weiteren Formularen und wichtigen Informationen für Hundeschlittenfahrer (Musher) und ihre “Handler”, die guten Geister im Hintergrund. “Das war's. Wir sind fertig!” lacht sie fröhlich zum Abschied. “Ich glaube es fängt gerade erst an”, denke ich mir und bemerke ein leichtes Kribbeln in der Magengegend.

Als ich am Abend nach Hause komme, marschiere ich schnurstraks zu unseren Hunden hinüber und teile ihnen die Neuigkeiten mit. Bluff schaut mich mit großen Augen an, interessiert sich dann aber doch eher für den Knochen zu seinen Füssen. Central schläft und Appletons Blick scheint so etwas wie “Schlittenfahren? Der spinnt! Es liegt doch überhaupt kein Schnee...!” zu sagen. Ich fühle mich ein wenig alleingelassen und bin froh, als Claudia sich über die Anmeldung freut. Ich werde ihre Unterstützung brauchen! Vorsichtig schiebe ich ihr die Informationen für Handler über den Tisch.

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"Technik hat keine Chance gegen die Kraft der Natur", denke ich und versuche der Situation etwas romantisch verklärtes abzugewinnen. Zehn ungeduldige Schlittenhunde springen vor Aufregung bellend und schreiend in ihre Zuggeschirre, während ich versuche unser Allrad-Fahrzeug zum stehen zu bringen. Mit blockierten Reifen werde ich samt Fahrzeug über unsere Trainingsstrecke gezerrt, bis ein günstig plazierter Baum zum rapiden Parken einläd. Ich sortiere ein paar Hunde im Team um und fahre nun etwas kontrollierter weiter. Nach etwa 4 Kilometern kommen wir wieder an unserer Hütte an und einige Hunde atmen so schwer, als hätten sie gerade einen 40 Kilometer Sprint hinter sich. Der Enthusiasmus, die Freude am Ziehen, ist bei unseren Huskies definitiv vorhanden. An der Kondition können wir arbeiten. An der Disziplin im Zuggeschirr auch. Das Herbsttraining mit einem Allradfahrzeug ist dafür genau das Richtige.

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Endlich hatte es genug geschneit für die ersten Schlittenfahrten dieser Saison. Wir hatten ein paar Trainigsfahrten mit kleineren Gespannen gemacht und nun ist es Zeit für einen längeren Lauf mit dem gesamten Team. Es ist, als hätten die Hunde seit dem letzten Winter auf einen solchen Tag gewartet. Die Leithunde lesen mir jeden Wunsch von den Lippen ab. Die Hunde in der Mitte des Teams ziehen was das Zeug hält und die “wheel dogs” ganz hinten wuchten den Schlitten um jede Kurve, dass mir die Augen feucht werden. Diese treuen Hunde und ich sind ein Team, das Berge versetzen kann! Und wenn der Berg sich doch nicht bewegt, dann rennen wir eben drüber! In Rekordzeit! Ein Blick auf mein GPS lässt mein Herz rasen. Der schnellste Run meines Lebens! Das Yukon Quest 300 ist ein Scherz. Wir werden mühelos gewinnen! Ich denke darüber nach, mich für das Yukon Quest 1000 und vielleicht auch noch das Iditarod anzumelden. Die Welt muss von diesen Wunderhunden erfahren. Die Talentsucher der Hundeschlittenwelt werden uns entdecken!

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Zwei Wochen später hänge ich gerade den letzten Hund mit dem Zuggeschirr an den Schlitten, als plötzlich das ganze Team wie wild zu bellen anfängt. Das ganze Team? Nicht ganz. Ich drehe mich um und sehe gerade noch, wie meine ersten vier Hunde ohne mich schon mal losmachen: Bluff hat vor lauter Aufregung die Gangline direkt vor seiner Nase durchgekaut. Ich überlege kurz wie ich die Ausreißer wohl am besten einhole. Das Auto kann ich kaum benutzen, denn da habe ich das restliche Hundeteam drangehängt. Also renne ich wie ein Wahnsinniger schreiend hinter den vier Huskies her, die das Ganze ziemlich lustig zu finden scheinen und deshalb gleich noch ein wenig schneller laufen. Dann endlich haben Appleton und Klein kapiert, dass hier irgendwas schief läuft. Sie versuchen auf mein Rufen Central und Maddy herumzuziehen. Ganz gelingt es ihnen nicht, aber wenigstens bleiben die Hunde stehen, bis ich sie erreicht habe. Mit einem Seil aus dem Pick-up improvisiere ich eine Ersatz-Gangline und versuche einen erneuten Start. Diesesmal verheddert sich die Sicherheitsleine, mit der ich das Team am Wagen festgebunden habe. Wir kommen gerade mal einen Meter weit. Da hilft nur noch freischneiden. Die Leithunde sind nach all dem Theater so durch den Wind, dass sie gleich das erste Kommando ignorieren. Anstatt nach links abzubiegen donnern sie nun die Einfahrt in Richtung Straße hinunter. Der Schneepflug war gerade erst da gewesen und so habe ich keine Chance sie mit der Bremse des Schlittens anzuhalten. Dafür hat der Räumdienst in der nächsten Kurve eine ordenliche Schneebank aufgeschoben, die ich mit meinem Hundeteam nun als Sprungschanze benutzen kann! Ich lande nach einem ordenlichen Flug mitsamt Schlitten auf der Strasse, die mit hartgepacktem Eis überzogen ist. Die Wucht des Aufpralls lässt mich mit samt Schlitten umkippen. Die Hunde finden auch das ziemlich toll und zerren mich fleissig weiter die Strasse entlang. Das gibt ein paar ordentliche Blutergüsse! Wir schaffen es dann doch noch ohne Unfall mit einem Auto wieder auf den richtigen Trail abzubiegen. “Startschwierigkeiten”, denke ich mir. “Kann jedem passieren. Ab jetzt wird alles gut laufen.” Einige Kilometer später beschließen die beiden läufigen Leithündinnen bei einem Anstieg, dass nun die passende Gelegenheit für Fortpflanzung gekommen sei. Mitten im Lauf halten sie an, drehen um und stürzen sich liebestoll auf die Rüden im hinteren Teil des Teams. Die Jungs können ihr Glück kaum fassen und nur durch beherztes Eingreifen kann ich eine Sexorgie verhindern. Ein wenig später hat sich Bluff in einer Leine verheddert. Kaum habe ich ihn befreit, springt der Chaot mit voller Wucht ins Zugseil, so dass der Schneeanker am Schlitten ausreisst und das ganze Team in vollem Sprint an mir vorbeidonnert. Und genau in dem Moment, in dem ich mich wie Stuntman auf den Schlitten schwingen will, hämmert der losgerissene Schneehaken mit seinen zwei scharfen Spitzen in mein Bein. Meine dicke Winterhose und die isolierten Winterschuhe verhindern, das ich neben einem Bluterguss an der Wade weitere Verletzungen davon trage. Zum Glück habe ich den Schlitten gerade noch erwischt. Irgendwann ist auch dieser Trainingslauf endlich vorüber und als ich alle Huskies in den Truck verladen habe und nach Hause fahre, denke ich, dass ich eine Lebensversicherung abschließen sollte. Claudia könnte die Begünstigte sein und so ließe sich der nächsten selbstmörderischen Trainingseinheit doch noch etwas Positives abgewinnen. Wenn das so weiter geht, schaffe ich es auf keinen Fall in einem Stück zum Start des Yukon Quest 300.

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Seit drei Stunden sitze ich an der Nähmaschine und befestige Klettverschlüsse an den neuen Hundejacken. Die sollen die Huskies bei tiefen Temperaturen warm halten, wenn wir beim Rennen draußen und ohne schützende Hundehütten campieren. Neben dem eigentlichen Konditionstraining mit den Hunden müssen auch noch viele andere Dinge für das Rennen vorbereitet werden. Mit Hilfe von Rennergebnisse vergangener Jahre versuche ich einen Rennplan zu erstellen. Wie lange werde ich bis zu den Checkpoints brauchen? Wo kann ich dazwischen campieren? Für welche Temperaturen soll ich planen? Wenn es wärmer wird brauchen die Hunde mehr Fisch als Zwischenmahlzeiten; wird es kälter sind fettreiche Häppchen gefragt. Wieviele Booties muss ich einpacken und was soll ins Erste-Hilfe-Pack für die Hunde? Welche Ausrüstung und Futtermengen muss ich über die Organisatoren des Yukon Quest in die Checkpoints vorausschicken? Yukon Quest Champion Hans Gatt und Yukon Quest 300 Sieger Crispin Studer helfen mir Antworten auf einige dieser Fragen zu finden. Erst das Rennen wird zeigen, ob meine Planung aufgeht.

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Das Thermometer zeigt -15 Grad Celsius an. Wir stehen bei unseren Freunden Amil und Darryl im Hof und zerteilen mit einer elektrischen Bandsäge gefrorenes Fleisch. Meine Fingerspitzen sind trotz der Handschuhe inzwischen fast gefühllos vom Halten des eiskalten Fleisches. 45 kg Fisch, 60 kg Rindfleisch und 50 kg Pferdefleisch müssen in mundgerechte Stücke geschnitten werden. Claudia verpackt je zwölf dieser Häppchen - für jeden Hund einen - in Gefrierbeutel. Die nächsten Tage verbringen wir mit weiteren Vorbereitungen für das Rennen: Trockenfutter für die Hunde wird portionsgerecht in Beutel gefüllt, Batterien für die Stirnlampen und mein GPS werden abgezählt, Massageöl und Fußpuder für die Hunde in kleine Fläschchen und Dosen abgefüllt. Zwei Wochen vor dem Rennen fahren wir mit sechs Säcken voll mit Futter und Ausrüstung zum offiziellen Food Drop des Yukon Quests. Für meine Säcke bekomme ich eine Quittung überreicht und die Versicherung, dass Ausrüstung und Futter zu den Checkpoints des Rennens geliefert werden, wo ich dann wieder Zugriff zu meinem Material habe. Hoffentlich geht nichts verloren!

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Am Mittwoch vor dem Rennstart präsentieren sich alle Yukon Quest 1000 Musher ihren Fans. In einem Konferenzsaal in Whitehorse sitzen die Stars an langen Tischen nebeneinander aufgereit, geben Autogramme und beantworten die Fragen von Fans und Presse. Die Ausdrücke auf ihren Gesichtern sprechen Bände. Routiniert und selbstsicher schwingen Yukon Quest-Veteranen wie Hans Gatt, Hugh Neff und Sebastian Schnülle ihre Unterschriften auf die Poster der Fans, während der pubilkumsscheue Didier Moggia scheinbar am liebsten unter seinem Tisch verschwinden würde. Und einige Neulinge im 1000-Meilen-Renngeschäft sehen leicht verängstigt aus, als ginge ihnen erst jetzt auf, dass sie sich nicht für einen Badeurlaub auf Hawai angemeldet haben. Für uns Musher im Yukon Quest 300 wird auf dieser Veranstaltung die Startreihenfolge festgelegt. Bei der Verlosung ziehe ich die Nummer 59. Da das Yukon Quest 300 mit der Startnummer 51 beginnt, werde ich als Neunter den Start verlassen.

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Nur noch einen Tag bis zum Start! Am späten Morgen lade ich alle unsere Hunde in ihre Boxen auf dem Pick-up und fahre mit Claudia in die Stadt. In einem Industrieviertel von Whitehorse haben die Tierärzte des Yukon Quests Quartier bezogen, um die teilnehmenden Huskies einem Gesundheitcheck zu unterziehen. Wir müssen nachweisen, dass alle Hunde aktuelle Impfungen haben. Dann werden Füße, Zähne, Ohren, Bewegungsapparat untersucht, Herz und Lunge abgehört und das gesamte Erscheinungsbild jedes Tieres beurteilt. Unsere Hunde sind alle gesund und die Tierärzte haben nichts zu beanstanden. Wir bekommen eine schriftliche Bestätigung, dass unser Team fit genug erscheint, um bei einem 300 Meilen Rennen anzutreten.

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Als wir mit unserem Pick-up auf den Parkplatz am Start des Yukon Quest 300 fahren, sind die meisten anderen Musher bereits rege damit beschäftigt ihre Ausrüstung zu sortieren, die Schlitten zu packen und die Hunde aus ihren Boxen zu holen. Auch Claudia und ich beginnen mit unseren Vorbereitungen. Immer wieder werden wir von Freunden unterbrochen, die zum Start gekommen sind, um den Hunden und mir Glück im Rennen zu wünschen. Noch 45 Minuten bis zum Start! Es ist an der Zeit die Zuggeschirre anzulegen und die schützenden “booties” , kleine Söckchen aus Nylonstoff, über die Füße zu ziehen. Noch 15 Minuten bis zum Start! Wir spannen die Hunde vor den Schlitten. Einige schreien und bellen bereits vor Aufregung, als sie die benachbarten Teams in Richtung Startlinie abfahren sehen. Freiwillige Helfer vom Yukon Quest helfen den Mushern ihre Teams sicher zum Startbanner zu bringen. Die meisten Hunde sind am Start so aufgeregt, dass die Bremsen am Schlitten alleine nicht reichen würden, um diese hochtrainierten Athleten anzuhalten. Nervös schaue ich die Gasse aus Zuschauern hinunter, die für den Start des Rennens an das Ufer des zugefrorenen Yukon Flusses gekommen sind. Jemand beginnt meinen Startcountdown herunter zu zählen: “Zehn, neun, acht, ...”. Ein Blick auf meine Leithunde Klein und Central lässt mich wieder etwas sicherer werden. Wir haben schon schwierigere Situationen gemeistert, als ein paar Leute die uns zugucken! “...drei, zwei, eins...go!” Meine elf Huskies stemmen sich mit aller Kraft in ihre Zuggeschirre und wir donnern zwischen den winkenden und applaudierenden Menschen hindurch in Richtung Fluss. Bei einem Rennen über große Distanzen ist es enorm wichtig, die Hunde am Anfang zu bremsen, damit die Hunde nicht gleich ihre ganze Energie verbrauchen und um das Risiko von Muskel- und Gelenkverletzungen zu minimieren. Und so stehe ich die ersten Stunden ganz leicht auf der Bremse, bis sich die Hunde bei einer Geschwindigkeit von etwa 10 Meilen pro Stunde eingelaufen haben. Trotzdem hole ich zu Kathleen Frederick auf und laufe für ein paar Minuten hinter ihrem Team. Wenn die Flüsse im Winter zufrieren und der Wasserstand anschließend absinkt, bricht das Flusseis immer wieder auf und senkt sich in der Mitte des Flusses ab. An solchen Stellen muss ein Musher ganz besonders aufpassen und langsam fahren. Hier verstecken sich oft schmale Risse unter einer dünnen Schneedecke an denen sich die Hunde verletzen können, wenn sie in vollem Lauf mit ihren Pfoten darin hängen bleiben. Direkt vor Kathleen taucht eine solche Stelle auf. Aber der Wind hat allen Schnee vom Eis geblasen. Dadurch können die Hunde die Risse zwar mühelos erkennen, aber Kathleens Schlittenkufen finden auf dem blanken Eis keinen Halt. Seitwärts rutscht sie über das Eis und kippt ein paar Meter weiter um. Es sieht so aus, als hätte sie sich auf dem harten Eis weh getan, aber ein paar Sekunden später steht sie schon wieder auf den Beinen und winkt ab: “Nichts passiert.” Blutergüsse und ein paar geprellte Knochen gehören zum Sport!

Zwölf Meilen hinter der Stadt verlässt die Rennstrecke den Yukon River und biegt auf den Takhini River ab. Die Sonne verabschiedet sich bereits für heute und verschwindet hinter den Bäumen am Flussufer. Noch sind alle Hundeteams relativ nah beieinander und ich kann sowohl vor als auch hinter mir die Lichtkegel der Stirnlampen anderer Musher sehen. Die Atemwolken der Hunde steigen im hellen Licht der Lampen auf und verleihen der Szenerie eine beinahe gespenstische Atmosphäre.

Für die dunklen Nächte haben die Yukon Quest-Organisatoren alle Markierungen mit einem weißen Reflektorstreifen versehen. Mit der Lampe suche ich den Fluss nach dem nächsten Marker ab. Etwa hundert Meter entfernt entdecke ich eine ganze Sammlung von Reflektoren. Ich bin mir unsicher, was das zu bedeuten hat. Möglicherweise wurde hier eine gefährliche Stelle im Flusseis mit zahlreichen Markierungen versehen. Doch dann scheinen einige Reflektoren hin und her zu rennen. Mir ist bewußt, dass im weiteren Verlauf des Rennens mit Haluzinationen wegen Schlafmangels zu rechnen ist. Aber das Rennen hat doch gerade erst begonnen. Als ich näher komme, sehe ich, dass sich etwa fünfzehn Personen auf dem Fluss versammelt haben, um die Schlittenteams anzufeuern. Und alle tragen moderne Outdoorbekleidung mit zahlreichen Reflektoren! Lachend und winkend fahre ich vorbei.

Vom Takhini River führt uns das Rennen schließlich auf den Overland-Trail in Richtung Norden. Diese Strecke war früher die Überlandverbindung nach Dawson City, die im Winter von Hundeschlitten bereist wurde, während im Sommer der Yukon Fluss die wichtigste Verbindung darstellte. Der Bau des Highways machte den Trail undeutend. Heute ist er Teil des TransCanada Wegesystems.

Nach etwa 50 Meilen gönne ich den Hunden und mir die erste größere Pause. Während des Laufens bekommen die Hunde etwa alle zwei Stunden einen Snack. Das gibt neue Kraft und versorgt die Hunde mit Wasser. Doch nach etwa fünf bis sechs Stunden Laufen habe ich jeweils eine längere Pause von drei bis sechs Stunden eingeplant. Ich parke den Schlitten neben dem Trail, damit die anderen Teams ungehindert passieren können, und ziehe den Hunden als erstes die Booties aus. Ich verteile das Stroh, dass ich im Schlitten dabei habe und ziehe jedem Husky eine winddichte Fleecejacke über. Die Hunde wissen schon, dass das eine längere Pause bedeutet und kuscheln sich wohlig auf ihren Betten aneinander. In der Zwischenzeit hat der Spirituskocher genug Schnee für das Hundefutter geschmolzen. In einer kleinen Kühlbox, die hier eher dem Warmhalten dient, mixe ich aus Trockenfutter, einer guten Portion Fett, etwas Rindfleich und dem Wasser eine dicke Suppe für die Hunde. Nach dem Füttern ist es auch für mich Zeit ein wenig Schlaf zu finden. Grüne Nordlichter zucken über den Sternenhimmel. Ich deute das als ein gutes Oomen für das Rennen. Mein Thermometer zeigt -30 Grad Celsius, als ich in den Schlafsack krieche.

Schon nach zweieinhalb Stunden weckt mich das schrille Piepen meiner Armbanduhr. Da ich Angst hatte, den Wecker zu überhören, habe ich die Uhr direkt neben mein Ohr unter die Mütze gesteckt. Ich halte meine Nase für ein paar Sekunden in die kalte Nachtluft und denke kurz darüber nach, was dieser ganze Blödsinn soll und ob ich nicht einfach hier im warmen Schlafsack liegen bleiben soll, bis der Sommer kommt. Aber es hilft alles nichts und so klettere ich wieder aus meinem Daunenschlafsack. Als erstes wird der Schlitten gepackt, dann ziehe ich wieder Booties über die Pfoten der Hunde, spanne die Zuggeschirre an...und weiter geht's!

Fünfundvierzig Meilen später laufe ich bei strahlendem Sonnenschein in Braeburn Lodge ein, dem ersten Checkpoint des Rennens. Jedes Team muss für mindestens zwei Stunden in Braeburn bleiben. Ich beschließe jedoch meinen Hunden sechs Stunden Pause zu gönnen. Nachdem alle gefüttert sind, das Stroh verteilt ist und ich die Füsse mit Salbe eingerieben habe, begebe ich mich zu Claudia ins Warme, um endlich auch etwas zu essen. Ich bekomme einen großen Teller Speck, Eier und Kartoffeln in der Raststätte von Braeburn. Eigentlich ist dieses Lokal bei Durchreisenden für die riesigen Hamburger und Zimtschnecken bekannt. Aber wenn das Yukon Quest stattfindet, verwandelt sich die Raststätte in einen geschäftigen Checkpoint. Rennrichte, Reporter, Tierärzte, Musher, Handler und Fans sitzen dicht gedrängt an den Tischen, vergleichen Rennzeiten und diskutieren Strategien, beobachten Hundeteams oder versuchen ein wenig Schlaf zu finden. Claudia ist als Handler im Checkpoint dafür zuständig eventuell verletzte Hunde aus meinem Team entgegenzunehmen und nach meiner Abfahrt das Stroh aufzuräumen und unbenutztes Hundefutter wieder mitzunehmen. In Braeburn entschließe ich mich Baloo, einen unserer Siberian Huskies zurück zu lassen. Er ist noch sehr jung und ein wenig verspielt. Ich möchte ihn nicht überanstrengen und ihm dadurch den Spaß am Laufen nehmen. Der Arme versteht die Welt nicht mehr, als Claudia ihn vom Team zu unserem Pick-up führt. Er protestiert lauthals und will unbedingt mit seinem Rudel weiterlaufen. Auch einige andere Hunde aus meinem Team bellen ihren Protest und heulen ihrem Kameraden hinterher.

Mit den verbleibenden Hunden verlasse ich Braeburn. Ein paar Helfer sperren den Highway und ich kann mit meinem Team sicher über die Straße und wieder auf den Trail gelangen. Diese Etappe führt über zahlreiche Seen bis zum fast 80 Meilen entfernten Checkpoint in Carmacks. Zwischen den einfach zu befahrenden Seen haben die Veranstalter des Yukon Quests einen herausfordernden Trail durch dichten Busch verlegt. Es geht hin und her, rauf und runter und ich muss immer wieder in engen Kurven aufpassen, dass ich den Schlitten nicht gegen einen Baum fahre. Später höre ich ein paar Geschichten von Mushern, die es tatsächlich nicht um jede Kurve geschafft haben. Da hab ich wohl Glück gehabt!

Auf den Seen überhole ich einige Musher, die mit ihren Hunden in der Sonne ausruhen. Zu meinem Erstaunen habe ich bereits hier einige langsamere Musher aus dem 1000 Meilen Rennen eingeholt, die rund sechs Stunden vor mir in Whitehorse gestartet sind. Auch ich beschließe kurz hinter dem Frank Lake eine Pause zu machen und das restliche Tageslicht zu nutzen. Im wunderschönen Licht der sinkenden Nachmittagssonne koche ich Wasser für das Hundefutter und massiere die Fußgelenke und die Rückenmuskulatur meiner treuen Huskies und werde zum Dank von einigen ordentlich durch das Gesicht geleckt. Jonathan Lucas und sein Team parken kurz darauf nur etwa 200 Meter hinter mir, neben dem Trail. Als alle meine Hunde versorgt sind und endlich schlafen, gehe ich zu ihm hinüber und wir tauschen unsere Erfahrungen der letzten Stunden aus. Jonathan und ich kennen uns von ein paar Sprint-Rennen, die regelmäßig in der Nähe von Whitehorse stattfinden, und in der Vorbereitung zum Yukon Quest 300 haben wir einmal gemeinsam trainiert. Nun scheint er etwas besorgt zu sein. Es ist sein erstes Langstrecken-Rennen und er hat Angst, dass sein Team aufgeben könnte. Als ich vor einem Jahr das Percy de Wolfe Rennen über 200 Meilen gelaufen bin, hatte ich ähnliche Sorgen. Ich wußte nicht, ob meine Hunde dieser Herausforderung gewachsen sind und war in ständiger Angst vor Verletzungen oder das ich mein Team überanstrengen würde. Das Problem daran ist, dass die Hunde die Verunsicherung ihres Mushers spüren, das Vertrauen verlieren und schließlich tatsächlich aufgeben. Für dieses Rennen habe ich mir vorgenommen stets gut gelaunt und voll positiver Energie zu sein. Bis jetzt scheint dieses Konzept aufzugehen und die Hunde sind tatsächlich extrem gut gelaunt. Ich versuche Jonathan ein wenig aufzumuntern und lasse hoffentlich etwas positive Energie zurück, als ich durch den Schnee zu meinen Hunden zurück stapfe. Ich setze mich an den Schlitten angelehnt auf meine Isomatte und ruhe mich noch ein wenig aus, bevor ich wieder mit den Vorbereitungen für meine Weiterfahrt beginne. Unterdessen hat Jonathan sich mit etwas Holz vom Seeufer ein Feuer angezündet. Ihm ist wohl etwas kalt geworden. Kein Wunder! Es sind -32 Grad Celsius.

In Carmacks laufe ich fast zeitgleich mit einigen anderen Mushern im Checkpoint ein. Der Race Marshall, der Rennleiter des Yukon Quest 300, scheint mit der Ankunft so vieler Teams zugleich nicht gerechnet zu haben und brüllt ein wenig gestreßt in der Gegend herum. Zum Glück sind einige geistreiche Helfer zugegen, die mir helfen, mein Team zu parken. Ich wünschte mir zwar einen etwas ruhigeren Platz für mein Hundeteam, aber die Hunde scheint der Rummel im Checkpoint gar nicht zu stören. Sie rollen sich friedlich auf ihrem Stroh ein und schlafen für ein paar Stunden. In Carmacks ist die Temperatur weiter gesunken. Hier zeigt das Quecksilber -36 Grad Celsius. Nicht gerade angenehm, wenn man ohne Handschuhe arbeiten muss, um Massage-Öl in ein Fußgelenk einzuarbeiten, Salbe zwischen Hundezehen zu verreiben oder Booties über Füsse zu stülpen. Hoffentlich wird es nicht noch kälter!

Leider muss ich Maddy in Carmacks an die Tierärzte und Claudia übergeben, die sich um sie kümmern. Sie hat sich ein paar Meilen vor dem Checkpoint auf dem harten und teilweise scharfkantigen Flusseis ein Stück Haut von ihrem Zehballen abgerissen. Ich diskutiere mit Annette Kriller, einer Tierärztin aus Deutschland, die schon seit Jahren beim Yukon Quest hilft, ob Maddy weiterrennen kann. Wir sind jedoch beide der Meinung das es besser fuer sie ist, wenn sie hier bleibt.

In Carmacks dient das Gemeindezentrum als Checkpoint und drinnen im Warmen bekomme ich endlich auch wieder etwas Leckeres in meinen Bauch. Nach einem dampfenden Teller Nudeln mit Tomatensauce verziehe ich mich in die Turnhalle, die hier zum Schlafquartier für die Musher umfunktioniert wurde.

Schon nach drei Stunden klingelt mich der Wecker wieder aus meinem Tiefschlaf. Nun fühle ich mich noch müder als zuvor und komme kaum aus dem Schlafsack. Claudia bestätigt meinen Verdacht, dass ich aussehe wie ein Zombie. Mein Gesicht und besonders meine Augen sind von dem Wechsel aus dem Kalten ins Warme und vor Schlafmangel geschwollen. Aber wenn ich weiterhin am Rennen teilnehmen will, dann muss ich trotz der müden Knochen weiter!

Ich packe wieder meinen Schlitten und mache mein Team für die Abfahrt fertig. Booties anziehen, Leinen am Zuggeschirr und den Halsbändern befestigen, für das Rennprotokoll die Abfahrt unterschreiben und los geht's. Die Markierungen führen uns zurück auf den gefrorenen Yukon, aber schon ein paar Meilen weiter führt der Trail auf den kleineren Nordenskiold River und schließlich wieder an Land und ich muss mich in dem Gewirr aus Trails und Straßen von Carmacks zurechtfinden. Es hilft nicht gerade, dass die Trail-Crew sich hier nicht der offiziellen Markierung bedient hat, sondern stattdessen andersfarbige Markierungen in den Schnee gesteckt hat. Doch anhand der Schlitten- und Hundespuren im Schnee finde ich den richtigen Weg, zweifle allerdings an meinen Entscheidungen, bis ich zu Christine Roalofs aufschließe, die mit ihrem Team im Yukon Quest 1000 teilnimmt. Erst jetzt bin ich wirklich zuversichtlich, auf dem richtigen Trail zu sein. Christine und ich fahren relativ nah beieinander und überholen uns gegenseitig einige Male. Der Trail führt parallel zum Yukon River und gelegentlich können wir von unserem Bushtrail einen Blick auf den mächtigen zugefrorenen Strom werfen. Einige weitere Musher aus dem Yukon Quest 1000 schließen von hinten auf und überholen uns. Ein paar Meilen vor dem nächsten Stop - McCabe Creek - fahren wir mehrmals für kurze Strecken auf dem Yukon. Die Schlitten krachen über die Schollen eines Eisbruches. Solche Eisbrueche entstehen, wenn im frühen Winter das Flusseis immer wieder aufbricht und sich die dicken Eisschollen ineinander verkeilen, aufschichten und schließlich in dieser Position wieder zusammenfrieren. Musher fürchten diese Eisverhältnisse, da sie ein Verletzungsrisiko für Hunde und Schlittenführer darstellen und auch schon so mancher Schlitten ist auf einem solchen Abschnitt in die Brüche gegangen. Ich finde diesen Eisbruch gar nicht so schlimm, aber Christine stuerzt vor mir mit ihrem Schlitten. Weh getan hat sie sich nicht, aber sie kann ihren Schlitten nicht mehr aufrichten. Ich verankere meine Hunde mit dem Schneehaken an einer der Eisschollen und helfe ihr. Als ich an ihrem Schlitten ziehe, hebe ich mir fast einen Bruch. Ich bezweifle, schon jemals einen so schweren Schlitten gesehen zu haben. Sie sei eben auf jeden erdenklichen Fall vorbereitet und habe daher ein paar Extrasachen eingepackt, antwortet sie auf meine erstaunte Nachfrage.

Es ist relativ warm, als ich im strahlenden Sonnenschein in McCabe einlaufe. Yukon-Legende Harvey führt mein Team zu einem guten Platz, an dem ich meine Hunde auf frischem Stroh betten kann. Harvey hat zahlreiche lange Reisen im Yukon Territorium mit seinem Hundeteam unternommen und hilft als Freiwilliger beim Yukon Quest. McCabe ist kein richtiger Checkpoint, sondern nur ein offizieller “dog drop”. Das bedeutet man kann kein Hundefutter oder Ausrüstung nach McCabe schicken, hat jedoch die Möglichkeit, verletzte oder erschöpfte Hunde an Tierärzte und Handler abzugeben. Mein Team sieht in McCabe gut und stark aus und ich muss keine Vierbeiner zurücklassen. Doch einige andere Musher haben Probleme mit einem Virus, der waehrend des Rennens umzugehen scheint. Schwere Durchfälle und Erbrechen sind die Symptome, die auch ein fittes Team innerhalb von wenigen Stunden einbrechen lassen können.

Als ich nach ein paar Stunden Schlaf McCabe verlasse, sehen meine Hunde immer noch gut und stark aus. Es ist inzwischen dunkel geworden und so trotten die Hunde im Schein der Stirnlampe in Richtung Pelly Crossing dahin. Die Strecke verläuft relativ nahe am Highway und ich sehe immer wieder Scheinwerferlichter der vorbeifahrenden Autos. Nach ein paar Meilen bemerke ich, dass Klein, meine wichtigste Leithündin, Durchfall bekommen hat. Sie rennt nach wie vor wie eine Wahnsinnige vor dem Team, aber sie verweigert jeden Snack, den ich ihr vor die Nase halte. Da sie normalerweise alles Essbare innerhalb von Sekunden hinunterschlingt, mache ich mir langsam ernsthaft Sorgen. Als ich nach 34 Meilen in Pelly Crossing ankomme, ist Klein ernsthaft krank. Sie hat eine furchtbar heiße Nase, schweren Durchfall und verweigert zunächst alles Essen. Nach Beratung mit den Tierärzten des Yukon Quest verabreiche ich ihr Antibiotikum gegen den Durchfall. Erst nach ein paar Stunden Ruhe nimmt sie ein paar mit Wasser vollgesogene Stücke Pferdefleisch zu sich. Doch es reicht nicht, um den starken Flüssigkeitsverlust durch den Durchfall wieder wettzumachen. Es bricht mir fast das Herz, als Claudia mit dem kleinen unglücklichen Hund zu unserem Pick-up spaziert. Dort wird sie sich in den nächsten Stunden um Klein kümmern und sie mit Hilfe der Tierarzte wieder aufpäppeln.

Ohne Klein ist mein tapferes Hundeteam stark geschwächt. Sie ist der wichtigste Leader unter unseren Hunden und ihr Verlust wiegt schwer. Ich will trotzdem versuchen, dieses Rennen erfolgreich zu beenden. Bei den Rennen im letzten Jahr habe ich gelernt,wie wichtig es ist, eine positive Einstellung zu bewahren und den Hunden Zuversicht zu vermitteln - auch wenn mal alles schief geht. Schlechte Stimmung beim Musher scheint sich innerhalb von kürzester Zeit durch den Handgriff des Schlittens, über die Kufen direkt in die Zugleinen und zu den Hunden zu übertragen. So versuche ich eine positive, ja fast ausgelassene Stimmung zu verbreiten, als ich Pelly Crossing nach meiner sechstündigen Pause wieder verlasse. Doch ich kann nicht verleugnen, dass sich immer noch ein paar zweifelnde Stimmen in meinem Hinterkopf über das bevorstehende Wegstück äußern...

So müde wie jetzt, bin ich in dem ganzen Rennen noch nicht gewesen. Immer wieder schlafe ich stehend ein, wärend die Hunde den Schlitten über den gefrorenen Pelly River ziehen. Zum Glück wache ich jedesmal auf, kurz bevor ich umfalle und Gefahr laufe den Schlitten zu verlieren. Ich versuche mich mit Singen, etwas einseitigen Gesprächen mit den Hunden und selbstverpaßten Ohrfeigen wach zu halten. Trotzdem fallen mir immer wieder die Augen zu. Ich habe von Mushern gehört, die im Yukon Quest 1000 oder im Iditarod vor lauter Müdigkeit Halluzinationen bekommen haben und sich dabei die verrücktesten Dingen einbildeten. Ganz so weit bin ich noch nicht, aber mein Gehirn hat Schwierigkeiten die visuellen Informationen, die meine beiden Augen liefern, zu einem einzelnen dreidimensionalen Bild zusammenzufügen. So habe ich zwei Hundeteams vor mir, freue mich über die nun zweimal so zahlreichen Wegmarkierungen und der doppelte Sonnenaufgang ist auch irgendwie cool.

Auf etwa halber Strecke jagt mir Hertel eine gewaltigen Schrecken ein. Er stolpert über eine etwas locker hängende Zugleine und bleibt gleich liegen. Er will nicht mehr aufstehen und weiter ziehen. Vor dem Rennen haben uns die Tierärzte vor “Sled Dog Myopathie” gewarnt. Dabei wird im Körper des Hundes die Muskelmasse zersetzt und Giftstoffe freigesetzt. Ein Hund mit dieser Krankheit kann mitten im Lauf zusammenbrechen. Er muss schnellstmöglich von einem Tierarzt behandelt werden. Wenn man ihn wieder vor den Schlitten spannt, besteht die Möglichkeit, dass er stirbt. Doch in der Regel hat ein solcher Hund kaffeebraunen Urin und Hertel hat extrem hell gepinkelt. Ich untersuche ihn besorgt und stelle erleichtert fest, dass er nur ziemlich müde zu sein scheint, was mich jedoch nach der langen Pause in Pelly Crossing wundert. Ich mache ihm etwas Platz in meinem Schlittensack und bastle ihm mit meiner Isomatte und restlicher Bekleidung ein weiches Bett. Innerhalb von wenigen Minuten schläft er ein. Nun müssen die anderen deutlich mehr Gewicht ziehen und ich helfe ihnen so gut ich kann. Wie auf einem Tretroller “kicke” ich mal mit dem rechten, mal mit dem linken Bein.

Einige hundert Meter vor Stepping Stone lassen mir einladene Schilder am Wegesrand das Wasser im Munde zusammenlaufen: “Burritos 400 Meter”, “Lasagne 300 Meter” usw. Stepping Stone ist ein sogenannter “hospitality stop”, bei dem man weder Futter aufladen kann, noch einen Hund an die Tierärzte abgeben kann. Hier gibt es nur das herzhafte Essen einer Familie, die Jahr für Jahr ausgehungerte Musher bewirtet. Ich parke meine Hunde zwischen den Bäumen und freue mich unsere Freundin Wendy Morrison, die in diesem Jahr als offizielle Berichterstatterin dem Yukon Quest folgt, und den Fotografen Harry Kern zu treffen. Die beiden schauen mir zu, wie ich die Vierbeiner versorge, bevor wir gemeinsam in die Hütte gehen.

Wendy erzählt mir von all den Leckereien und den weichen Betten hinten in der Stube. Ich kann nicht widerstehen und bitte um einen Teller Essen, doch die Gastgeberin, die unter Mushern eigentlich den Ruf hat, alle herzlichst zu umsorgen, reagiert ein wenig unwirsch. Als ich schließlich anbiete, mir selbst etwas zu Essen zu holen, wenn sie mir nur sagt, wo ich es finden kann, wird sie geradezu unfreundlich. Trotzdem bekomme ich einen Teller Lasagne aufgetischt und werde schließlich mit der Frage konfrontiert wer ich denn eigentlich sei und in welcher Position ich vorbeigekommen wäre. Ich antworte etwas müde, dass ich nicht wüßte, welche Position ich im Rennen hätte und dass es mir auch ein wenig egal sei, wenn ich nur bald endlich wieder richtig schlafen könne. So langsam dämmert ihr, dass ich auch ein Musher im Yukon Quest 300 bin und sie entschuldigt sich tausendmal für ihre Unfreundlichkeit. Ich bekomme sofort noch mehr zu Essen und eine weitere Tasse Tee. Sie hätte gedacht ich sei jemand von dem Presseteam und sie hätte ja in all den Jahren noch nie einen Musher gesehen, der so ruhig und entspannt in Stepping Stone herumgesessen hätte wie ich. “Ist schon okay”, murmel ich noch müder vor mich hin, frage mich jedoch bei den letzten Bissen meiner Lasagne, warum es in Ordnung sein soll, die Leute von den Medien weniger respektvoll zu behandeln als die Musher. Ich strecke mich auf der weichen Schaumstoffmatratze aus und schlafe innerhalb von Sekunden ein.

Nach der offiziellen Wegbeschreibung sind es 32 Meilen von Stepping Stone wieder zurück nach Pelly Crossing, wo die Ziellinie des Yukon Quest 300 auf mich wartet. Doch der Rückweg führt nicht wie der Hinweg über den Fluss, sondern folgt der Straße, die Pelly Crossing und die Pelly Farm verbindet. Zuversichtlich packe ich ein letztes Mal für dieses Rennen meinen Schlitten. Hertel platziere ich wieder auf seinem weichen Bett. Ich bin mir recht sicher, was seine Diagnose angeht. Trotzdem möchte ich kein Risiko eingehen und werde ihn nicht im Team laufen lassen. Kurz hinter Pelly Farm treffen wir auf die Straße. Sie hat nach der Arbeit der Räumfahrzeuge nur noch eine dünne Schneeauflage, die von zahlreichen Autoreifen hart gepackt ist. Das sind alles andere als gute Bedingungen für die Fuß- und Schultergelenke der Hunde. Ich hatte von ein paar Leuten gehört, dass die Straße relativ eben sei. Allerdings waren die mit dem Auto da entlang gefahren. Auf meinem Hundeschlitten habe ich einen vollkommen anderen Eindruck. Die ersten Meilen steigt die Straße kontinuierlich an. Dann geht es in einem endlos scheinenden Auf und Ab weiter. Ich versuche die Hunde so gut es geht zu entlasten und renne etliche Meilen hinter und neben dem Schlitten. Trotzdem verlieren einige Hunde schon bald die Lust am Laufen auf der Straße. Die Moral im Team ist nahezu am Boden. Das sind Momente, wo ein Leithund wie Klein es schafft, die anderen Hunde wieder zu motivieren. Leider ist sie mit Durchfall in Pelly geblieben. Central gibt sich wirklich Mühe, aber auch sie scheint immer wieder verunsichert zu sein. Ich mache ihr Mut, laufe ein Stück neben ihr her und lobe sie für ihr Engagement. Meine Bemühungen zeigen schließlich Erfolg, das Team arbeitet wieder stärker und wir kämpfen uns Meile für Meile dem Ziel entgegen. Durch das viele Rennen habe ich selbst einen völlig ausgetrockneten Hals und kann kaum noch sprechen. Jedes Mal wenn ich den Hunde Kommandos gebe, schauen sie bei dem Gekrächze, dass ich verlauten lasse, verwundert zurück. Die Hunde haben durch ihre Snacks und Schnee, den sie am Wegesrand fressen, Wasser zu sich nehmen können, aber ich hatte meine Thermoskanne in dem Glauben zurückgelassen, dass es sich um einen nahezu flachen 30-Meilen-Lauf handele. Zehn bis fünfzehn Meilen Joggen waren nicht eingeplant gewesen. Und als mein GPS dann endlich anzeigt, dass ich bereits 32 Meilen hinter mich gebracht habe, stelle ich erschrocken fest, dass man sich bei der Rennleitung wohl vermessen hat. Die elektronische Karte lässt noch weitere 8 Meilen bis Pelly Crossing vermuten. Nun ist auch meine Moral im Eimer. Ich kann den Hunden keinen weiteren Snack anbieten, weil er einfach nicht eingeplant war. Ich selbst bin dehydriert, meine Beine schmerzen vom vielen Laufen, ich fühle die Müdigkeit, die tief in den Knochen sitzt, meine Daunenjacke ist komplett nass vor Schweiß und ich möchte nicht, dass meine müden Hunde auch nur eine einzige weitere Meile laufen müssen.

So langsam frage ich mich, warum die Teams von hinten nicht zu mir aufschließen und komme zu dem Schluss, dass sie vermutlich ähnliche Probleme haben und ebenso langsam unterwegs sind. Wenn ich die vielen Spuren vor mir im Schnee richtig deute, scheinen ziemlich viele Teams Schwierigkeiten auf der Straße gehabt zu haben. Ich fasse schweren Herzens einen Entschluss: Sobald ein Team aufschließt, werde ich sie mit einer Nachricht an Claudia passieren lassen. Ich möchte mit allen Hunden auf der Straße abgeholt werden. Ich möchte mein Rennen vorzeitig beenden, meinen Hunden und mir Ruhe gönnen. Aber es kommt niemand von hinten. Und so laufen wir weiter. Zweifel an meiner Entscheidung aufzugeben kommen auf. Bin ich einfach nur übermüdet und dehydriert? Kann ich überhaupt klare Gedanken fassen? Es liegen 307 Meilen hinter uns. Jetzt sind es noch 5 Meilen bis Pelly Crossing. An einem guten Tag brauchen die Hunde dafür etwa 30 Minuten. Heute werden wir mit Hertel im Schlitten eine knappe Stunde brauchen. Dann tauchen die ersten Häuser von Pelly Crossing auf und ein paar Haushunde begrüßen uns bellend. Wir haben es fast geschafft. Doch dann knickt Ultra mit ihrem Fuss um und weigert sich humpelnd weiter zu machen. Auf die letzten Meter muss ich sie auch noch zu Hertel in den Schlitten packen. “Wenn jetzt ein Auto kommt”, denke ich, “dann lass ich mich abholen.” Und dann fällt mir auf, dass ich ganz offensichtlich nicht mehr normal funktioniere. Denn der Checkpoint ist schon fast in Sichtweite. Die Markierungen führen uns über den Fluss und dann steht plötzlich Claudia neben mir und umarmt mich. Geschafft! Die Tierärzte checken die Hunde. Hertel ist völlig gesund und scheint jetzt auch nicht mehr so müde zu sein und der Rest der Truppe wedelt freudig mit dem Schwanz, als sie ihre zurückgelassenen Kameraden am Truck begrüßen.

"So etwas mache ich nie wieder", höre ich mich zu Claudia sagen. Aber als ich stolz zu meinen Hunden hinüberschaue, die sich mindestens genauso über den Erfolg zu freuen scheinen, bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. fs



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