<< zurück zur Touren-Übersicht Fotos >>

Tourenbericht


Grenzgänger – über die Pyrenäen vom Atlantik bis zum Mittelmeer

Diese Tour war sozusagen ein Versehen. Eine Art Unfall. Eigentlich wollten wir die Alpen überqueren. Aber manchmal kommt eben alles anders als geplant.

Wir standen im Regen auf der Autobahnraststätte Michendorf bei Potsdam und hielten trotz des schlechten Wetters optimistisch den Daumen in Höhe. Ein hilfsbereiter Buchhandelsvertreter auf dem Weg nach Siegen gabelte uns schließlich auf. Als wir von unserem Plan, der Alpenüberquerung abseits der großen Fernwanderwege wie dem E5, erzählten, legte sich die Stirn unseres Fahrers in Falten. Schweigend schaltete er das Radio ein: "…erreicht uns gerade die Nachricht, dass wegen der starken Überschwemmungen nun auch im Allgäu der Ausnahmezustand verhängt wurde." Zahlreiche Alpentäler standen nach anhaltenden Regenfällen unter Wasser, Brücken wurden weggerissen, mehrere Dörfer waren nicht erreichbar und Rettungsmannschaften evakuierten die Bevölkerung. Die letzten Tage vor unserer Abreise waren völlig hektisch verlaufen und so hatten wir von der sich anbahnenden Flutkatastrophe in den Alpen nichts mitbekommen. Mit jedem Kilometer, den wir uns den Bergen nähern, wurden die Nachrichten schlimmer. Wochenlang hatten wir Karten studiert und Wanderführer gewälzt, um eine halbwegs einsame und attraktive Route über die Alpen zu finden. Nun mussten wir die Tour abbrechen, bevor wir auch nur einen Meter gewandert waren. Die Flut war für die Bevölkerung der betroffenen Gebiete eine echte Katastrophe, für uns war sie nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine herbe Enttäuschung. Die Stimmung im Auto war auf dem Tiefpunkt und auch unser Fahrer schaute mitfühlend traurig auf die regennasse Fahrbahn. Was sollten wir tun? Im Kopf spielte ich Alternativen durch: Trekking in Lappland, Radtour entlang der Donau…Wandern in den Pyrenäen. Vom Atlantik bis zum Mittelmeer. Diese Traumtour wollte ich machen, seit dem ich vor über zehn Jahren zum ersten Mal durch die Berge der französischen Pyrenäen gewandert war. Schnell war Claudia überzeugt und nun steigerte sich die Stimmung im Auto wieder beträchtlich. Unser Buchhändler nahm uns nun, begeistert ob unserer Spontaneität (vielleicht hat er uns auch gar nicht geglaubt, dass wir innerhalb von ca. 20 Minuten unseren gesamten Reiseplan umschmeißen), bis nach Siegen mit. Von dort ging es mit der Bahn erstmal zu meinen Eltern nach Dormagen im Rheinland. Während der folgenden Tage organisierten wir neue Wanderkarten, studierten Reiseführer für die Pyrenäen und buchten Flüge.

Wie fühlen sich Füße an, die zwei Monate lang fast jeden Tag bergauf und bergab gewandert sind? Sie schmerzen! Aber in diesem Augenblick ist mir das egal. Ein dickes Grinsen legt sich über mein Gesicht, als wir das Mittelmeer zum ersten Mal am Horizont erahnen können. Morgen werden wir unsere müden Füße in den salzigen Wellen baden können. Mit der Freude darüber, es geschafft zu haben, schwingt aber auch die Traurigkeit mit, dass diese großartige Tour nun vorbei ist. Wochenlang schleppten Claudia und ich unsere Rucksäcke durch die Berge, waren unter der knallenden Sonne des Spätsommers geröstet, vom Herbstwind durchgepustet und von tiefem Neuschnee überrascht worden. Abend für Abend bauten wir unser Zelt auf und warfen den kleinen fauchenden Kocher an. Abendessen bei traumhaftem Sonnenuntergang in den Bergen. Murmeltiere sonnten sich am Wegesrand, Geier und Adler kreisten im Aufwind, Gemsen und Mufflons zogen mit ihren Jungen durch die Täler. Aber natürlich blieben auch die Momente nicht aus, in denen wir uns gefragt haben, warum wir das eigentlich machen. Tage, an denen wir nicht mehr weiter laufen wollten, weil die geschundenen Füße so schmerzten. Zeiten, in denen ich meinen endlos schweren Rucksack nicht mehr aufsetzen wollte, weil die Schultern wund und die Hüfte vom Hüftgurt blutig gerieben war.

Mehrere Fernwanderwege führen über das spanisch-französische Grenzgebirge vom Atlantik zum Mittelmeer. Der bekannteste ist sicherlich der GR 10, der auf der französischen Seite verläuft. Er ist gut markiert und verlangt wegen der vielen Auf- und Abstiege und der Gesamtlänge von 866 km eine gute Kondition. Sein Pendant auf der spanischen Seite ist der GR 11 mit einer Länge von etwa 840 km. Dazwischen, also fast immer entlang der spanisch-französischen Grenze verläuft der Haute Randonnée Pyrénéenne (HRP). Er ist ein hochalpiner Weg, der zum Teil unmarkiert und durch schweres wegloses Gelände führt. Auf unserer Wanderung kombinierten wir die drei Wege nach Lust und Laune und nutzten auch Pfade die abseits der drei Hauptrouten lagen.


Info

Weglänge: ca. 800 km

Tourdauer: 2 Monate

Route: Hendaye - Banyuls-Sur-Mar

Ausrüstung: Normale Bergwanderausrüstung. Da man auch immer für mehrere Tage bis hin zu 2 Wochen Lebensmittel mitschleppen muss, kommt einiges an Gewicht zusammen. Deshalb sollte man Wert auf besonders leichte Ausrüstung legen. Wichtig ist ein guter Rucksack, mit dem sich auch große Lasten vernünftig tragen lassen (Claudia hatte bis zu 25 kg Gepäck und Fabian bis zu 30 kg). Der Schlafsack sollte bis mindestens -5°C gut warm halten. Wir haben heftige Stürme, Regen und Schnee erlebt. Das Zelt sollte entsprechend stabil sein. Atmungsaktive Wetterjacke und Regenhose gehören natürlich auch in den Rucksack. Als Küche eignet sich am besten ein Gaskocher für Stechkartuschen (Typ 206) oder für Kartuschen vom Typ CV (270/470), da man diese fast überall bekommt. Wir hatten leider einen anderen Kocher und waren ständig auf der Suche nach passenden Kartuschen. Trekkingstöcke sind besonders für Wanderer mit Knieproblemen ein Muss. Ideal sind hohe und feste Wanderschuhe aus Leder und mit Gore-tex. Kompass und Höhenmesser sind auf weglosen Etappen und bei Nebel unentbehrlich. Eispickel und Steigeisen waren während der gesamten Tour überflüssig (sogar bei der Besteigung des Monte Perdido). Bei Neuschnee haben wir Gamaschen vermisst.

Beste Reisezeit: Ins Hochgebirge der Zentralpyrenäen sollte man erst ab Juli aufbrechen. Ab September muss man dann bereits wieder mit den ersten Schneefällen rechnen. Die milderen und niedriger gelegenen Abschnitte in Küstennähe kann man auch schon früher bzw. noch im späten Herbst bewandern.

Wanderführer: Wir nutzten für den HRP in den Zentralpyrenäen eine alte Ausgabe (1988!) von Kev Reynolds: Wandern in den Pyrenäen (Verlag Scheuble & Baumgartner). Inzwischen gibt es neuere und überarbeitete Auflagen. Erhältlich sind auch französischsprachige Wanderführer für den GR 10, in denen gleich die notwendigen Wanderkarten abgedruckt sind.

Karten: Es ist schwierig, für die Pyrenäen gute Karten zu bekommen. Die französischen Karten des IGN sind ganz brauchbar, enden teilweise jedoch recht konsequent an der Staatsgrenze zu Spanien. Das mag für einen französischen Patrioten einleuchtend sein. Für einen Wanderer, der wenig Interesse für territoriales Geplänkel hat, ist das mindestens ein Ärgernis. Leider sind auch noch einige ziemlich alte Auflagen im Handel, die dringend einer Überarbeitung bedürfen. Grenzübergreifend sind die spanischen Karten des Institut Cartografic de Catalunya. Allerdings sind sie nicht so genau wie die französischen IGN-Karten. Mit etwas Erfahrung und Orientierungssinn kommt man aber ganz gut zu recht.



<< zurück zur Touren-Übersicht Fotos >>
Home | Impressum | Kontakt